Wenn der Dopingfahnder ins Büro kommt
Doping, die regelwidrige Einnahme leistungssteigernder Mittel, ist nicht mehr bloß ein Thema im Sport. Auch in der Arbeitswelt helfen Beschäftigte mit aufputschenden, konzentrationssteigernden oder beruhigenden Arzneien nach. Gut zwei Millionen Beschäftigte (5 Prozent) in Deutschland haben schon einmal stimulierende Medikamente eingenommen, obwohl sie eigentlich gesund waren. Dies ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung von rund 3000 Arbeitnehmern im Alter von 20 bis 50 Jahren im Auftrag der DAK. Als Gründe für den Missbrauch werden beispielsweise Dauerstress, Leistungsdruck oder ein unsicherer Arbeitsplatz genannt. Psychische Belastungen also, denen sich die betroffenen Beschäftigten ohne Stimmungsaufheller offenbar auf Dauer nicht mehr gewachsen fühlen.
Noch ist Doping am Arbeitsplatz kein weit verbreitetes Phänomen, die Zahl der "Dopingfälle" am Arbeitsplatz dürfte jedoch in Zukunft weiter steigen. "Insbesondere chronischer Stress in der modernen Arbeitswelt ist ein ernsthafter Risikofaktor für seelische Krankheiten", warnt DAK-Chef Herbert Rebscher. Laut Gesundheitsreport 2009 der DAK stieg der Anteil der psychischen Erkrankungen am Krankenstand in den vergangenen zehn Jahren um gut 60 Prozent von 6,6 auf 10,6 Prozent.
Als problematisch muss die hohe Akzeptanz für die Einnahme von Arzneimittel ohne medizinische Begründung erachtet werden. Jeder fünfte Arbeitnehmer hält den Medikamentenmissbrauch für vertretbar, um beruflichen Stress und Konflikte am Arbeitsplatz besser auszuhalten. Ebensovielen Beschäftigten (20 Prozent) wurden bereits leistungssteigernde und stimmungsaufhellende Medikamente ohne medizinische Notwendigkeit empfohlen. Insbesondere Kollegen, Freunde und Familie sind hier beteiligt. Knapp jede dritte Empfehlung kommt von Ärzten.
Der Abgleich der Arzneimitteldaten von Antidepressiva, Mitteln gegen Demenz und ADHS ("Zappelphilipp-Syndrom") sowie Betablockern mit den Verordnungs- und Diagnosedaten der erwerbstätigen DAK-Versicherten ergab, dass bestimmte Medikamente in mehr als einem Viertel der Fälle ohne eine der üblichen Diagnosen verschrieben wurden.
Der Gesundheitsreport zeigt dabei Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Männer neigen eher zu aufputschenden und konzentrationsfördernden Präparaten, Frauen bevorzugen beruhigende Mittel gegen depressive Verstimmungen oder Ängste. "Männer frisieren ihr Leistungspotenzial - Frauen polieren ihre Stimmungen auf", kommentiert Rebscher.
Es ist alarmierend, wenn immer mehr Beschäftigte aufgrund psychischer Erkrankungen nicht arbeiten können. Laut DAK-Gesundheitsreport 2009 legten im vergangenen Jahr psychische Krankheiten im Vergleich zum Vorjahr mit 7,9 Prozent überproportional zu. Genauso bedenklich ist jedoch, wenn eigentlich gesunde Beschäftigte zunehmend das Gefühl bekommen, mit der täglichen Situation am Arbeitsplatz nicht mehr ohne Psycho- oder Neuropharmaka klarzukommen. Und Kollegen, Freunde, Familie und Hausarzt nehmen das hin.
Die Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) setzt sich für gesunde und sichere Arbeitsplätze ein und begrüßt daher alle Bemühungen und Maßnahmen, über die Gefahren des Medikamentenmissbrauchs im Job frühzeitig aufzuklären und ihm entgegenzuwirken.