Die Situation der Pflege in Deutschland
Das deutsche Pflegesystem wird zum einen gekennzeichnet durch den kontinuierlichen Abbau von Pflegekräften bei parallelem Anstieg der Patientenzahlen und der Erhöhung der Pflegebedürftigkeit der Patienten. Diese Entwicklung führt anhaltend zu höherem Arbeitsaufwand und Mehrarbeit für das Krankenpflegepersonal. Zum anderen zeichnet sich deutlich der Trend weg von der häuslichen Pflege durch Angehörige hin zur Versorgung und Betreuung durch professionelle Pflegekräfte ab. Es ist klar abzusehen, dass die Pflege in Zukunft wesentlich stärker als bisher durch qualifiziertes Fachpersonal geleistet werden muss. Die Situation der Pflege in Deutschland stellt sich insofern als problematisch dar.
Der Medizinische Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) hat sich in seinem zweiten Prüfbericht, der am 31. August 2007 veröffentlicht wurde, positiv über die festgestellten Qualitätsverbesserungen in der ambulanten und stationären Pflege geäußert. Die Qualität der ambulanten und stationären Pflege hat sich im Vergleich zum ersten Pflegequalitätsbericht im Jahr 2003 verbessert. Dennoch weist der Bericht des MDS auf weiteren erheblichen Handlungsbedarf in der qualitativen Versorgung der Pflegebedürftigen hin.
Im deutschen Altenpflegesystem liegt nach Ansicht von Betroffenen - Patienten, Angehörige und Beschäftigte - gleichfalls einiges im Argen: 65 Prozent derjenigen, die ein Familienmitglied pflegen, fühlen sich von Staat und Gesellschaft im Stich gelassen. Das ergab die TNS Emnid-Studie aus dem Jahr 2007 zur "Pflegesituation in Deutschland" im Auftrag der Marseille-Kliniken. Insbesondere die Menschen ab 50 Jahren sind unzufrieden mit Qualität und Professionalität von Pflegeleistungen: Mehr als jeder zweite kritisiert die aktuelle Situation. Lediglich 53 Prozent sind mit der Betreuung, 52 Prozent mit dem Ausbildungsstand des Personals und nur 46 Prozent der Befragten sind mit der Pflegequalität allgemein zufrieden.
Aus Sicht der leitenden Pflegekräfte wird es zunehmend schwieriger, eine qualitativ hochwertige Pflege anzubieten. Das ist eine Aussage des Pflege-Thermometers 2007, einer repräsentativen Untersuchung leitender Pflegekräfte im Krankenhaus. Ein Drittel der befragten Pflegedirektionen bemerkt sogar ein Absinken der Möglichkeit, eine ausreichende Versorgung anzubieten. Auf die weitere Entwicklung bezogen rechnen 40 Prozent der Befragten nicht mit einer Verbesserung der pflegerischen Qualität der Patientenversorgung.
Die Ursachen liegen im wesentlichen in Kostensteigerungen einerseits und Mittelkürzungen andererseits. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) nennt in Ihrem Krankenhaus Barometer 2007 zum einen die deutlichen Tariferhöhungen für Klinikärzte, die Mehrwertsteuererhöhung, Energiekostensteigerungen sowie Mehrkosten durch das neue Arbeitszeitgesetz als Hauptprobleme auf der Ausgabenseite. Auf der Einnahmeseite machen sich bei den Krankenhäusern zum anderen die Einschnitte durch die Einspargesetze 2006 und die Sanierungsabgabe der Kliniken im Rahmen der Gesundheitsreform 2007 negativ bemerkbar.
Leidtragender neben den Patienten ist in erster Linie das Pflegepersonal. In den letzten zehn Jahren wurden mehr als 150.000 Arbeitsplätze im Krankenhaus abgebaut, davon 48.000 Plätze im Pflegebereich. Das bleibt nicht ohne Folgen beim Personal. Dauerstress, Überstunden, Fehlbelastungen führen zu steigenden Ausfallzeiten, Fluktuation, vorzeitigen Berufsausstiegen und Frühverrentungen, die deutlich über dem Durchschnitt der gesamten Bevölkerung liegen. Bereits die europäische NEXT-Studie hatte ermittelt, dass Pflegeberufe zu den potenziellen "Aussteigerberufen" zählen. Jeder fünfte Beschäftigte denkt laut dieser Studie über einen vorzeitigen Berufsaustritt nach.
Dieses Ergebnis wird für Deutschland in zwei repräsentativen Untersuchungen der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) und der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) bestätigt. Sowohl der Gesundheitsreport 2005 zu "Arbeitsbedingungen und Gesundheit von Pflegenden in Einrichtungen der stationären Krankenpflege" als auch der Gesundheitsreport 2006 zu "Arbeitsbedingungen und Gesundheit in ambulanten Pflegediensten" berichten von einer ausgeprägten Tendenz zur Berufsaufgabe. Hauptgründe sind hohe körperliche und psychische Belastungen der Pflegenden. Dabei bewerten Pflegekräfte in der ambulanten Pflege ihre Arbeitssituation in Bezug auf Belastungsfaktoren als auch im Hinblick auf Aufgabenvielfalt, Mitsprache und Teamgeist weniger negativ als Pflegende in der stationären Krankenpflege.