Wissenschaftler raten Unternehmen zu neuem Altersbild
Was haben Blondinen und das Alter gemein? - beide sind mit Vorurteilen und Klischees behaftet. Erstere gelten gemeinhin als attraktive Dummchen in Stöckelschuhen. Altsein wiederum steht für beigefarbene Rentergarderobe, für nachlassende körperliche und geistige Leistungsfähigkeit. Kein Wunder also, dass es vielen Unternehmern beim Stichwort Demographischer Wandel mulmig zumute wird. Nicht etwa wegen beigefarbener Stöckelschuhe, sondern weil sie Nachwuchssorgen, Produktivitätsrückgang und Innovationsstau befürchten.
Dabei ist der demographische Wandel auch und vor allem eine Chance für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. So lautet von Beginn an eine Maxime der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA), die vom bisher größten interdisziplinären Forschungsprojekt zum Thema in Deutschland uneingeschränkt und umfassend gestützt wird. Ende März übergab die Akademiengruppe Altern in Deutschland die Ergebnisse ihrer langjährigen wissenschaftlichen Untersuchungen und ihre daraus abgeleiteten Empfehlungen in Berlin an Bundespräsident Horst Köhler. Jetzt sind die acht Materialbände und der Empfehlungsband erschienen.
"In einer Bevölkerung, die älter wird und sich verringert, und in dem längeren Leben für jeden Einzelnen steckt, das haben wir uns bislang nur noch nicht klargemacht, viel Fortschrittspotenzial", sagt der Historiker Jürgen Kocka, der Sprecher der aus 23 Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen bestehenden Akademiengruppe.
In dem 102 Seiten umfassenden Papier kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass sich Wohlstand und Wohlfahrt auch unter den Bedingungen des demographischen Wandels erhalten lassen. Allerdings müsse die Dynamik dieses Wandels genutzt werden, um notwendige Veränderungen auf den Weg zu bringen.
Anpassungsbedarf in den Bereichen Arbeit und Bildung
Nach Auffassung der Akademiengruppe hindert uns gegenwärtig eine Mischung aus weit verbreiteten Fehlurteilen über das Alter und das Altern sowie aus überkommenen Strukturen und Gewohnheiten daran, die Chancen des demographischen Wandels zu be- und ergreifen. Anpassungsbedarf sehen die Experten vor allem in den Bereichen Arbeit und Bildung. So sei die Fixierung auf eine hochproduktive mittlere Lebensphase nicht mehr zeitgemäß. Über die Auflockerung der typischen Lebensabfolge und ihrer scharfen Dreiteilung in Bildung, Arbeit und Ruhestand müsse ebenso nachgedacht werden wie über die Schaffung eines besseren Zugangs älterer Menschen zum Arbeitsmarkt.
Aus ihren Erkenntnissen folgert die Akademiengruppe für Unternehmen und Tarifparteien die Notwendigkeit eines neuen Altersbildes. Konkret geht es um eine neue Personalpolitik, die zum Ziel habe, ältere Menschen länger zu beschäftigen und neu einzustellen. Im Bereich der Arbeitsorganisation seien innovative Lösungen und Modelle gefordert, die Stärken und Schwächen verschiedener Altersgruppen optimal berücksichtigen. Um Produktivitätsreserven älterer Arbeitnehmer zu aktivieren, müssten Tätigkeitswechsel im Unternehmen erleichtert und unterstützt werden. Schließlich unterstreichen die Wissenschaftler die Bedeutung kontinuierlicher Investitionen in Qualifikation und Kompetenzentwicklung aller Beschäftigten. Ihre Gleichung ist einfach: Ein Betrieb, der unter den Bedingungen des demographischen Wandels Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität bewahren will, muss die Wettbewerbsfähigkeit und die Produktivität seiner Mitarbeiter erhalten. Lebenslanges Lernen sei dafür die entscheidende Voraussetzung.
Die Akademiengruppe ist ein gemeinsames Projekt der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina und der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech. Die Akademiengruppe wurde von der in Zürich ansässigen Jacobs Foundation für eine Dauer von drei Jahren (2006-2008) finanziell gefördert.