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Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Link zur Startseite) Eine Initiative für
Arbeitgeber und Beschäftigte

Zukunft sichern, Arbeit gestalten

23.04.2015

Arbeitenviernull: "Sind wir die Roboter?"

Bei der Auftaktveranstaltung zum Dialogprozess "Arbeiten 4.0" ging es gestern in Berlin um die Spannungsfelder "Mensch und Technik", "Arbeit und Leben", "Innovation und Disruption". Die Resonanz vor Ort und in den Medien war beachtlich. Präsentiert wurde auch der INQA-Check Wissen & Kompetenz.

Bundesministerin Andrea Nahles beim Besuch eines Berliner Software-Unternehmens, in dem unternehmerischer Erfolg und neuartige Arbeitsprozesse Hand in Hand gehen. © J. Konrad Schmidt

Das Umspannwerk in der Voltairestraße war wohl der ideale Ort für eine Auftaktveranstaltung, die sich um die Arbeitswelt der Zukunft dreht: Licht in warmen Farben traf auf außergewöhnliche Funktionsarchitektur aus der Welt der Hochspannung. Dazu lief Musik der deutschen Musikgruppe Kraftwerk, die bereits in den 70er Jahren die Verschmelzung von Mensch und Maschine thematisierte.

Die Veranstaltung begann mit einem Blick zurück - ohne die Zukunft aus dem Auge zu verlieren. Nämlich den teils überraschenden, teils amüsanten Prognosen und Ausblicken auf die Arbeitswelt der Zukunft, wie sie in den west- und ostdeutschen Fernseharchiven aus den 60er, 70er und 80er Jahren vorzufinden sind. Ein inspirierender Auftakt, der gefolgt wurde von der Einführung durch Bundesministerin für Arbeit und Soziales Andrea Nahles.

Nahles stellte fest, dass neue Technologien bisher immer mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet hätten. Sie betonte jedoch, dass bei allen Innovationen, Neuerungen und Möglichkeiten der digitalen Technik stets der ganze Mensch im Mittelpunkt stehen sollte: "Arbeiten 4.0 heißt, dass technische und soziale Innovation Hand in Hand gehen müssen." Die Herausforderung für die Politik und die Wirtschaft sei, Qualifizierung von Mitarbeitern zum Leitmotiv zu machen. Wie das geschehen soll und wie die Arbeitswelt der Zukunft gestaltet werden kann, dazu soll es in den nächsten Monaten in einem intensiven Austausch zwischen Politik, Wirtschaft, Sozialpartnern und Bürgern geben.

Neuer INQA-Check

Qualifizierung von Mitarbeitern und der Transfer von Wissen und Kompetenz - wie diese Schlüsselthemen in Unternehmen und der öffentlichen Verwaltung konzertiert angegangen werden können, zeigt auch der neue INQA-Check Wissen & Kompetenz, der an einer Computerstation im Foyer der Veranstaltung direkt vor Ort ausprobiert werden konnte. Er umfasst acht Themenbereiche und ist wie ein modularer Werkzeugkasten nutzbar. Im Ergebnis lassen sich konkrete Maßnahmen ableiten, deren Einsatz der Nutzer priorisieren kann - unterstützt durch Contentangebote wie Praxishilfen. Andrea Nahles: "Ich empfehle diesen Check vor allem kleinen und mittleren Betrieben. Sie können damit ihre Prozesse und Möglichkeiten überprüfen, um das Wissen und die Kompetenz ihrer Beschäftigten künftig besser zu nutzen - und somit langfristig ihre Innovationsfähigkeit zu sichern."

Arbeiten 4.0: Drei Spannungsfelder

Es folgte die erste Diskussion mit Prof. Dr. Horst Neumann (Volkswagen AG), Prof. Dr. Hartmut Hirsch-Kreinsen (TU Dortmund) und der Internetbotschafterin der Bundesregierung Prof. Dr. Gesche Joost (UdK Berlin) zum Thema "Bestimmt der Mensch die Technik - oder umgekehrt?" Neumann erläuterte in seinem Impulsvortrag, welche Vorzüge die Robotertechnik im Automobilbau für Unternehmen und Mitarbeiter habe. Natürlich würden auch Arbeitsplätze wegfallen, aber dies könne durch das Ausscheiden der Babyboomer-Generation aus dem Erwerbsleben für gut 20 bis 30 Jahre aufgefangen werden. Nun gelte es, dieses Zeitfenster für gute Arbeit im digitalen Wandel zu nutzen.

Alle Diskutanten waren sich einig, dass Mensch und Technik nicht getrennt sondern integriert zu betrachten sind. Im Gegensatz zur Schreckensvision à la "Dr. Frankenstein", so Gesche Joost, erlaubten die technologischen Möglichkeiten mehr Menschen die Teilhabe am Arbeitsleben. Prof. Hirsch-Kreinsen betonte aber auch: "Technologie ist kein Determinismus" - man müsse technischen Fortschritt nicht unkritisch hinnehmen, sondern könne und solle diesen aktiv gestalten.

Nach der Mittagspause ging es weiter mit dem zweiten Panel: "Fordert das Silicon Valley die soziale Marktwirtschaft heraus?" - darüber diskutierten Christoph Keese (Axel Springer SE), Fabien Nestmann (Uber), Johannes Bungart (Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks), Dr. Philip Merten (RWE AG) und Monika Frech (Dark Horse). Ein großer Teil des Gesprächs drehte sich um die Frage des disruptiven Wandels von Geschäftsmodellen und Märkten, die erwartungsgemäß von Keese und Nestmann eher wertfrei bis positiv beurteilt wurde. Monika Frech hingegen warf ein, dass Disruption aktuell schon fast "ein Fetisch" sei. Johannes Bungart ergänzte, auf den Fahrdienst Uber verweisend, dass man die USA nicht mit Europa in einen Topf werfen dürfe - insbesondere hinsichtlich der Qualität und der gemeinsamen Verantwortung für unser Sozialwesen. Philip Merten zeigte sich als Pragmatiker und verwies auf die Chancen, die sich aus einer Verschmelzung von Online- und Präsenzhandel ergeben. Keese schloss mit der Feststellung, er würde sich - beispielsweise hinsichtlich der Arbeits- und Innovationskultur - mehr deutsches und europäisches Selbstbewusstsein, vor allem aber auch Mut wünschen.

Dann gab’s Musik: Das DigiEnsemble Berlin zeigte, wie mit Tablet-Computern Musik von Klassik bis Pop ansprechend intoniert werden kann. Optisch eher ungewohnt - aber musikalisch durchaus animierend.

Das letzte Panel befasste sich mit der Frage "Freiheit und Sicherheit. Arbeit und Familie. Neue Werte - neue Arbeit?", besetzt mit Staatssekretär Thorben Albrecht (BMAS), Jörg Hofmann (IG-Metall), Tina Egolf (Podio GmbH), Prof. Dr. Kerstin Jürgens (Universität Kassel), der Autorin Susanne Garsoffky und unserem Themenbotschafter Thomas Sattelberger. Hier fand die wohl engagierteste Diskussion statt. Kerstin Jürgens betonte gleich zu Beginn, dass der Mensch in der Arbeitswelt 4.0 nicht nur ein digitales, sondern auch weiterhin ein soziales und biologisches Wesen bleibe. Tina Egolf lieferte provokante Thesen und stellte klar: "Arbeiten 4.0 heißt für mich vor allem, dass ich kein Opfer bin." Der moderne Arbeiter wünsche mehr Souveränität über Arbeitszeit und –ort. Unternehmer, die dies nicht verstünden, hätten keine Zukunft. In die gleiche Kerbe schlug auch Thomas Sattelberger, der sich, gewohnt zugespitzt, gegen die "Soße der Work-Life-Balance" aussprach, und stark für individualisierte Lösungen, aber auch für eine Familienarbeitszeit von 32-Stundenwoche plädierte - schließlich gebe es auch Menschen, die leidenschaftlich gerne und auch viel arbeiteten. Jürgens konterte mit der Feststellung, dass kein Mensch lebenslang in einer Hochleistungsphase stecke. Auch Jörg Hofmann setzte sich für eine lebensphasenorientierte Gestaltung der Arbeit ein. Susanne Garsoffky forderte flexible Arbeitszeitmodelle für Frauen und Männer gleichermaßen - ansonsten sei auf lange Sicht "Kind und Karriere" nicht wirklich finanzierbar. Eine spannende Diskussion, die große Lust auf den weiteren Dialogprozess machte. Und auch dies wurde deutlich: Alle sind herzlich eingeladen, sich aktiv daran zu beteiligen. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat für den weiteren Austausch eine eigene Webseite unter www.arbeitenviernull.de eingerichtet, wo jeder und jede mitdiskutieren kann.

#ARBEITENVIERNULL

Wie relevant die Themen waren, wie gut die Veranstaltung (mit Livestream, Gebärdendolmetscher und Social-Media-Unterstützung) organisiert war - das zeigte sich nicht zuletzt auch an einem kleinen, aber bedeutenden Detail: Bei Twitter war der Hashtag "ARBEITENVIERNULL" zeitweilig das Top-Hashtag in Deutschland, noch vor #BAHNSTREIK ...

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