Dubrau Automobile kennen im brandenburgischen Calau alle. Ob Privatkund*innen, Polizei oder Taxiunternehmen – das Familienunternehmen sorgt dafür, dass die Fahrzeuge der Region laufen. Was viele nicht wissen: Bei Dubrau Automobile wird Pionierarbeit geleistet, die weit über den Landkreis Oberspreewald-Lausitz hinausstrahlt. Das Kleinstunternehmen war Pilotbetrieb im INQA-Experimentierraum „HandWerkZeug für KKU". Dabei entstanden praxistaugliche Instrumente für Klein- und Kleinstbetriebe (KKU). Das Ziel: organisationale Resilienz stärken.
Aber was ist das eigentlich genau, organisationale Resilienz?
„Organisationelle Resilienz bedeutet für mich, dass Unternehmerinnen und Unternehmer die Fähigkeit behalten, sich und ihr Geschäftsmodell immer wieder positiv zu hinterfragen – und Veränderungen dauerhaft als Chance zu sehen, nicht als Bedrohung", erklärt Sandy Morgen. Sie ist Geschäftsführerin der IHK-Projektgesellschaft mbH Ostbrandenburg und hat den INQA-Experimentierraum „HandWerkZeug für KKU" geleitet. Für KKU ist das leichter gesagt als getan: Meist gibt es keine Personalabteilung, keine Person für das Controlling, keine Marketingabteilung. Wenige Personen tragen alles – strategische Fragen laufen nebenher oder bleiben liegen. Umso wichtiger, dass Unterstützung wirklich ankommt. „Organisationale Resilienz. Schon alleine diese zwei Wörter hätten normalerweise dazu geführt, dass die Betriebe das Interesse verlieren", sagt Morgen. Ihre Erkenntnis: Wer kleine Betriebe erreichen will, muss zuerst ihre Sprache lernen. Cathleen Dubrau und ihr Team von Dubrau Automobile haben dabei geholfen, diese Sprache zu finden.
Cathleen Dubrau führt das Familienunternehmen seit 2020 – in vierter Generation. Ihr Urgroßvater gründete es vor über 100 Jahren, damals wurden noch Wagen aus Holz gebaut. Im Laufe der Zeit kamen Lackierung und Karosserie dazu. 1985 übernahm ihr Vater. Nach der Wende wurde aus dem Handwerksbetrieb ein Autohaus. Heute verkauft und repariert Dubrau Automobile Fahrzeuge, verleiht Wohnmobile, betreibt eine Lackiererei und hat Zugang zur Markenwerkstattsoftware der VAG-Gruppe – VW, Audi, Skoda. „Früher hat man mit dem Schraubenschlüssel dagestanden. Jetzt ist der Laptop das A und O", sagt Dubrau. Ihr Mann führt die Werkstatt. Jens Dubrau ist gelernter Dachdecker, der später noch eine Lehre als KFZ-Mechatroniker absolvierte und seinen Meister machte. „Er ist genau das Pendant zu mir", sagt Cathleen Dubrau. „Ich bringe die wirtschaftliche Seite, er die technische. Das ergänzt sich gut." Gemeinsam leitet das Ehepaar das Unternehmen. An Herausforderungen mangelt es nicht: Elektromobilität, steigende Betriebskosten, Fachkräfteengpässe – und ein bevorstehender Generationswechsel. Cathleen Dubrau wollte diesen Themen proaktiv begegnen. Allerdings fiel ihr auf, dass sich viele Unterstützungsangebote eher an größere Unternehmen richten. Dann stieß sie auf den INQA-Experimentierraum: „Die Initiative Neue Qualität der Arbeit hat mich angesprochen, weil es im Experimentierraum wirklich um kleine und Kleinstunternehmen geht. Da fühle ich mich beheimatet." Die Entscheidung fiel schnell und Dubrau Automobile wurde Pilotbetrieb.
Entwickelt von Betrieben für Betriebe: So entstand der kostenlose INQA-Werkzeugkasten
Ein Projektteam, bestehend aus Mitarbeitenden der IHK-Projektgesellschaft mbH Ostbrandenburg (Industrie- und Handelskammer), d-ialogo und des IBBF (Vereinigung für Betriebliche Bildungsforschung e.V.), entwickelte Materialien und legte sie den Pilotbetrieben vor – und bekam sie mit Feedback direkt aus der Praxis zurück. „Sie haben gesagt: So reden wir nicht", erinnert sich Sandy Morgen. Cathleen Dubrau brachte es auf den Punkt: „Man hat immer so große Wörter verwendet." Organigramm, Abteilungsleitung, Risikomanagement – Begriffe, die im Handwerksbetrieb schlicht nicht verwendet werden. Stattdessen wurde eine anschlussfähige Sprache gewählt. Nach Abschluss dieses produktiven Prozesses wurden die Hilfsmittel in weiteren Betrieben bundesweit erprobt – vom Blumenfachgeschäft bis zur Medienagentur. Die Erfahrungen aus diesen Unternehmen flossen ein. Das Ergebnis steht allen Betrieben kostenlos zur Verfügung:
Von der Arbeitsplatzbeschreibung über die Mitarbeitendenbefragung bis zum Wertschätzungsleitfaden. Jedes Instrument kommt mit einer Schritt-für-Schritt-Anleitung und lässt sich ohne Vorkenntnisse einsetzen.
Selbsttest für den Betrieb: Was der Kurzcheck bei Dubrau Automobile auslöste
„Ich habe die Situation viel kritischer eingeschätzt als meine Kolleginnen und Kollegen", sagt Cathleen Dubrau über das Ergebnis des Kurzchecks – den alle Mitarbeitenden unabhängig voneinander und anonym ausgefüllt hatten. Besonders in der Kommunikation stellten die Beschäftigten dem Betrieb ein gutes Zeugnis aus. Für Dubrau war klar: Regelmäßige Feedbackgespräche sollen fester Bestandteil des Alltags werden. Der INQA-Experimentierraum schärfte den Blick auch für ein Thema, das im Tagesgeschäft leicht liegen bleibt: den bevorstehenden Generationswechsel. Der Vater zieht sich aus dem Fahrzeugverkauf zurück. „Know-How muss dokumentiert werden. Da sind wir auch gerade dran", sagt Dubrau.
Was Handwerksbetriebe aus diesem Praxisbeispiel lernen können
Es ist wichtig, einmal von außen und frei vom Tagesgeschäft auf den eigenen Betrieb zu schauen. Das war für Cathleen Dubrau eine zentrale Erkenntnis aus dem dem INQA-Experimentierraum. „Man sollte sich fragen: Wie blicke ich jetzt auf mein Unternehmen? Dann sieht man manchmal Dinge, die man vorher nicht auf dem Schirm hatte", sagt sie. Den Kurzcheck und die weiteren Unterstützungsangebote von „HandWerkZeug für KKU“ empfiehlt sie in ihrem lokalen Unternehmensnetzwerk aktiv weiter. Gerade, dass diese branchenübergreifend einsetzbar sind, macht den Unterschied. Welche Themen sich in unterschiedlichen Branchen als wichtigste Handlungsfelder gezeigt haben, benennt Sandy Morgen klar: Kommunikation, Führung, Unternehmenskultur. „Wir können einer Dachdeckerfirma nicht sagen, bei welchem Lieferanten sie einkaufen sollen. Aber wir können ihnen helfen, sich so aufzustellen, dass ihre Mitarbeitenden mitziehen. Für diese Unternehmensgröße ist das schlicht überlebenswichtig." Was sie dabei immer wieder beobachtet hat: „Wenn wir im Unternehmen waren, waren die Beteiligten motiviert und fokussiert. Sobald wir weg waren, verlagerte sich der Fokus schnell wieder aufs Tagesgeschäft. Ihr Appell: „Nehmt euch Zeit dafür. Guckt hin und nutzt die Instrumente – die machen euch das wirklich leichter.“
Krisenfestigkeit als Haltung: Wie der Betrieb dauerhaft resilient bleibt
Cathleen Dubrau beschäftigt sich auch nach dem Projektende intensiv weiter mit organisationaler Resilienz. Die Instrumente begleiten den Betrieb weiter. „Es war eine lehrreiche Reise bis hierher – und ich bereue es nicht, dass ich das trotz der ganzen anderen Arbeit mit reingenommen habe", sagt sie. Sandy Morgen sieht es ähnlich: „Dieser Praxisbezug, dieses ganz enge Angebundensein an die Unternehmen, zu sehen, was sich entwickelt hat – da geht mir das Herz auf“. „Jede Handwerker*in weiß: Ein Koffer ist etwas, wo ich verschiedene Sachen drin habe. Wenn ich das Problem habe, muss ich den Schraubenzieher nehmen“, fasst es Dubrau zusammen. Dieser Werkzeugkoffer aus dem INQA-Experimentierraum steht bereit – für Dubrau Automobile und für jeden Betrieb, der ihn nutzen möchte.
FAQ: Wie wird mein Unternehmen krisenfest?
Mit dem Kurzcheck. Der ist in einer Viertelstunde ausgefüllt – einmal für die Geschäftsführung, einmal für die Mitarbeitenden. Am Ende sehen Sie, wo es gut läuft und wo Sie genauer hinschauen sollten. Alle Materialien stehen kostenlos zum Download bereit.
Sie bekommen zwei Perspektiven auf Ihren Betrieb. Bei Dubrau Automobile zeigte die Differenz, wo der Betrieb solider aufgestellt ist als gedacht – und wo Aufmerksamkeit nötig ist. Für genau diese Stellen bietet der Werkzeugkasten den nächsten Schritt: Die praxistauglichen Instrumente, setzen dort an, wo der Kurzcheck Handlungsbedarf anzeigt.
Ja. Alle Instrumente stehen kostenlos zur Verfügung – mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen, Erklärvideos und einem Brettspiel für Teams. Eigenständig einsetzbar, ohne externe Unterstützung.
Laut den Erfahrungen aus dem INQA-Programm mit Betrieben bundesweit sind es vor allem drei Bereiche: Kommunikation, Führung und Unternehmenskultur. Diese Themen tauchen branchenübergreifend – von der Dachdeckerfirma bis zur Medienagentur – immer wieder als kritische Handlungsfelder auf.