Herr Lieb, Sie forschen zum Thema Resilienz, also über unsere „psychischen Abwehrkräfte“. Was wissen Sie darüber, wie wir in der Krise Stress aushalten und widerstandsfähig bleiben können?
Zunächst einmal: Krisen sind eine Belastung und ein Stresstest für uns alle. Deshalb gibt es die naheliegende Annahme, dass viele Menschen in schwierige Zeiten wie diesen aus der psychischen Balance geworfen werden. Allerdings verstellt das den Blick darauf, dass die breite Mehrheit der Menschen in der Regel mit Stress gut umgehen kann. Ein resilienter Mensch wird keine großen Auffälligkeiten zeigen – und der resiliente Verlauf ist die Regel.
Was heißt das konkret in Zahlen?
Unsere Analysen aus weltweiten Daten zeigen, dass etwa zwei Drittel der Menschen in unterschiedlichsten Belastungssituationen resilient sind, also während dieser Krisen ihre psychische Stabilität aufrechterhalten können. Und weitere zwanzig Prozent erlangen sie nach einer gewissen Phase der Belastung zurück. Das bedeutet allerdings nicht, dass resiliente Menschen Krisen ohne Angst, Trauer oder Stress erleben. Resilienz bedeutet, dass die psychische Gesundheit trotz einer Belastung erhalten bleibt oder sich anschließend wieder sehr schnell erholt. Was genau Menschen in einer bestimmten Krise resilient macht, wissen wir allerdings noch nicht in allen Einzelheiten. Die Forschung zeigt aber, dass unter anderem soziale Unterstützung, eine gute Emotionsregulation und die Fähigkeit, die eigene Situation flexibel zu bewerten und unterschiedliche Bewältigungsstrategien einzusetzen, eine wichtige Rolle spielen. Eine positive Neubewertung kann dabei hilfreich sein. Es geht aber nicht darum, jede Krise schönzureden oder in allem eine Chance zu sehen. Entscheidend ist vielmehr, einen Umgang mit der Situation zu finden, der für die jeweilige Belastung hilfreich ist.
Untersuchungen zeigen, dass gerade Menschen mit Krisenerfahrung erstaunlich gut mit neuen Herausforderungen umgehen können. Wie erklären Sie sich das?
Das liegt unter anderem an den Ressourcen, die Menschen im Laufe ihres Lebens erwerben. Wir wissen, dass Menschen eher resilient sind, wenn sie im Leben schon größere Krisen gut überstanden haben. Denn wer einmal eine schwierige Situation erfolgreich bewältigt hat, verfügt über Erfahrungen und Bewältigungsstrategien, auf die später zurückgegriffen werden kann. Die Erinnerung daran, eine schwierige Situation bereits einmal bewältigt zu haben, kann dabei das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken. Deshalb empfehlen wir auch, sich diese Ressourcen bewusst zu vergegenwärtigen. Wenn jemand zum Beispiel vor einer schwierigen beruflichen Veränderung steht, kann die Erinnerung daran helfen, dass man schon einmal eine große Veränderung im Leben bewältigt hat – etwa einen Umzug, eine Trennung oder den Verlust eines Arbeitsplatzes. Man kann sich also fragen: Was hat mir damals geholfen? Was habe ich selbst dazu beigetragen, dass ich diese Situation bewältigen konnte? Und was davon kann mir heute wieder helfen? Umgekehrt wissen wir aber auch: Wer an früheren Krisen „gescheitert“ ist, hat es jetzt vermutlich schwerer.
Kann man Resilienz denn trainieren?
Grundsätzlich ist Resilienz nicht statisch und einem einfach nur in die Wiege gelegt, sondern dynamisch im Laufe des Lebens und damit auch grundsätzlich zu lernen und zu trainieren. Wir kennen inzwischen viele Faktoren, die mit Resilienz korrelieren. Wichtig ist z. B. zu erkennen, dass man keiner Krise nur ausgeliefert ist. Es lässt sich immer direkt etwas tun. Dieses aktive Coping anstelle von Grübeln und Bedauern trägt dazu dabei, Krisen zu akzeptieren, zu gestalten und damit zu bewältigen. Auf unserer Website www.lir-mainz.de haben wir hilfreiche Informationen für einen resilienten Umgang mit Krisen zusammengestellt.
Woran merkt man, dass man resilient ist?
Resilient zu sein, heißt nicht, dass man ständig glücklich ist. Der resiliente Mensch geht nicht immer fröhlich durchs Leben, sondern zeigt natürlich auch Stressreaktionen. Er erlebt wie alle anderen auch verschiedene emotionale Zustände und Phasen. Aber: Er ist in der Lage, sich von negativen Emotionen nicht komplett vereinnahmen zu lassen. Dabei können verschiedene Fähigkeiten helfen: Eine kognitive Flexibilität ermöglicht es resilienten Menschen, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und ihre Bewertung einer Situation anzupassen. Hinzu kommt ein realistischer Optimismus, der es erlaubt, ohne rosarote Brille auf die Dinge zu blicken und sich etwa von falschen Erwartungen zu trennen. Durch das Erzeugen von positiven Emotionen wiederum können resiliente Menschen sich selbst etwas Gutes tun, Stichwort Selbstfürsorge. Kurzum: Resilient ist, wer trotz einer Belastung psychisch relativ stabil bleibt oder sich anschließend schnell wieder erholt.
Lassen Sie uns das Stichwort Selbstfürsorge einmal aufgreifen. Wie kann ich denn zuverlässig positive Emotionen erzeugen – oder ist das bei jedem Menschen individuell?
Bis zu einem gewissen Grad ist es individuell, denn nicht jede Aktivität löst in jedem Menschen die gleichen Emotionen aus. Entscheidend ist daher, selbst herauszufinden, was einem persönlich guttut und im Alltag tatsächlich umsetzbar ist. Positive Emotionen lassen sich jedoch verlässlich durch verschiedene Aktivitäten fördern, zum Beispiel durch soziale Kontakte, Bewegung, kleine Erfolgserlebnisse oder Tätigkeiten, die als angenehm und sinnvoll erlebt werden. Wichtig für Selbstfürsorge ist also, für regelmäßige Bedingungen im Alltag zu sorgen, unter denen Erholung, Freude oder Zufriedenheit entstehen können.
Blicken wir auf die Unternehmen: Was können diese tun, damit ihre Beschäftigten möglichst resilient sind?
Es beginnt bei der Unternehmenskultur. Management und Führungskräfte können im betrieblichen Alltag gezielt dazu beitragen, Belastungen abzubauen und Resilienz in der Organisation zu stärken. Dazu gehört zunächst eine gute Informations- und Kommunikationspolitik. Betriebe sollten ihren Mitarbeiter*innen erklären, was die aktuelle Krise möglicherweise für das Unternehmen bedeutet. Sie sollten transparent sein, wenn sie etwas nicht wissen oder einen festgelegten Fahrplan nicht einhalten können. Und sie sollten ihre Mitarbeiter*innen begleiten und unterstützen. Das heißt zum Beispiel zu schauen, wie es ihnen während der Krise geht. Denn nicht wenige Menschen haben Schwierigkeiten mit massiv veränderten Situationen. Hier gilt es, Kontakt zu halten und stabilisierend zu wirken. Zu guter Letzt braucht es meines Erachtens Investitionen in gute Führung. Damit sich Unternehmen so aufstellen, dass sie auch in künftigen Stresssituationen optimal reagieren können. Denn keine Krise ist die letzte Krise.
Gute Führung ist das eine. Können die Mitarbeitenden selbst denn auch etwas ausrichten, um im Beruf möglichst resilient zu bleiben – und in arbeitsintensiven Phasen nicht direkt die Nerven zu verlieren?
Resilienz am Arbeitsplatz hängt nicht nur von guten Rahmenbedingungen und guter Führung ab. Die Mitarbeitenden können selbst einiges dazu beitragen. Dazu gehört zum Beispiel, die eigenen Belastungsgrenzen wahrzunehmen, Prioritäten zu setzen und sich in stressigen Phasen bewusst kurze Erholungsmomente zu schaffen. Es ist zudem hilfreich, in fordernden Zeiten nicht allein zu bleiben: Der Austausch mit Kolleg*innen, das Ansprechen von Überlastungen und das Annehmen von Unterstützung tragen dazu bei, resilient zu bleiben. Wer Belastungen und Stress als Herausforderung ansieht und allein oder mit anderen – sowie mit einem flexiblen Mindset – aktiv an die Problembewältigung herangeht, wird eher damit zurechtkommen als diejenige Person, die sich vor allem schont oder zurückzieht.
Ein Thema, an dem kaum ein Unternehmen vorbeikommt, ist Künstliche Intelligenz. Diese macht Arbeit häufig schneller – und viele Arbeitnehmende haben Sorge, durch KI ersetzt zu werden. Welcher Umgang empfiehlt sich im Umgang mit der neuen Technologie, damit sie nicht zu einem zusätzlichen Stressor wird?
Ein hilfreicher Umgang mit neuen Technologien kann damit beginnen, sie nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu betrachten. Das bedeutet, Veränderungen als Möglichkeit zur Weiterentwicklung zu sehen und sich darauf zu konzentrieren, wie man mit den neuen Anforderungen umgehen kann. Zudem sind Weiterbildungen eine gute Möglichkeit, sich mit KI auseinanderzusetzen, Unsicherheiten abzubauen und eigene Kompetenzen auszubauen. Dabei ist es sinnvoll, sich bewusst zu machen, welche persönlichen Stärken man mitbringt, wobei KI unterstützen kann und in welchen Bereichen menschliche Fähigkeiten wie Kreativität, Empathie, soziale Interaktion und Urteilsvermögen weiterhin besonders wichtig bleiben. Wer KI als Unterstützung nutzt und gleichzeitig die eigenen Kompetenzen weiterentwickelt, erlebt die Technologie eher als Erweiterung der eigenen Handlungsmöglichkeiten. Darüber hinaus können Unsicherheiten durch klare und transparente Kommunikation des Unternehmens verringert werden. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, darüber aufzuklären, wofür KI verwendet wird, welche Änderungen damit verbunden sind und die Mitarbeitenden aktiv in den Veränderungsprozess einzubeziehen.
Prof. Dr. Klaus Lieb ist wissenschaftlicher Geschäftsführer des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung (LIR) sowie Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz.