Diversity 3 Minuten Lesezeit In­ter­view: Wie KMU sich ge­gen Ras­sis­mus stark ma­chen kön­nen Startseite Themen Diversity Diversitätsmanagement
  • Rassismus ist tief in Strukturen und Prozesse eingebettet – Führungskräfte müssen dies erkennen und eingefahrene Prozesse aktiv überdenken.
  • Antirassismus-Trainings fördern rassismuskritisches Denken – eine einzige Schulung reicht dafür nicht aus.
  • Bei rassistischen Vorfällen im Team: Betroffene ernst nehmen, den Vorfall klar benennen und gemeinsam Maßnahmen ergreifen.
  • Die beste Prävention: Eine Unternehmenskultur, in der alle gleichermaßen wertgeschätzt werden.

Wie können sich Unternehmen gut gegen Rassismus aufstellen? Führungskräfte müssen die vorhandenen Strukturen überdenken, eingefahrene Prozesse aufbrechen – und auf diskriminierende Vorfälle im Team deutlich reagieren, sagt die Antirassismus-Trainerin Melinda Tamás.

Wie äußert sich Rassismus in KMU?

Rassismus ist häufig tief in Strukturen und Prozesse eingebettet, so wie überall in der Gesellschaft. Es ist sehr wichtig für Unternehmen, dies zu erkennen und ändern zu wollen. Vor allem Führungskräfte müssen reflektieren, wie in ihrem Unternehmen mit stereotypen Zuweisungen umgegangen wird und auch die Barrieren erkennen, die manchen Menschen die Zugänge zu Ressourcen, Bildung oder Räumen verwehren. Organisationen und Unternehmen, wie auch die Politik, haben eine große Entscheidungsmacht darüber, welche strukturellen Rahmenbedingungen gesetzt werden können und müssen, um das System der Ungleichheit aufzubrechen.

Manche Unternehmen bieten den Beschäftigten Antirassismus-Trainings. Wie läuft so etwas ab?

Wir beschäftigen uns dort zum einen mit geschichtlichen Grundlagen und Begrifflichkeiten, da es für viele Menschen schwierig ist, über Themen zu sprechen, bei denen sie Angst haben, womöglich das Falsche zu sagen und dadurch jemanden zu verletzen. Außerdem versuchen wir aufzuzeigen, wie tief Rassismus in unserer Gesellschaft verwurzelt ist. In den Trainings wird auch sehr viel darüber reflektiert, wer zur sogenannten „Norm" gehört, wer und welche Strukturen darüber entscheiden, was die „Norm" ist, und wen wir bewusst oder unbewusst ausschließen. Und letztendlich geht es auch darum, anzuschauen, wo Handlungsmöglichkeiten sind – individuell auf der Ebene jedes und jeder Einzelnen, aber auch strukturell auf der des Unternehmens.

Die meisten Menschen halten sich selbst nicht für rassistisch. Fühlen sich Teilnehmer*innen manchmal angegriffen, wenn Sie ihnen den Spiegel vorhalten?

Ja. Schwarze Menschen und People of Color machen in Deutschland jeden Tag Rassismuserfahrungen, aber vielen nicht von Rassismus betroffenen Teilnehmenden fällt es schwer, das zu glauben. Rassismuskritisches Denken ist selbst für diejenigen (nicht-betroffenen) Personen, die Rassismus ablehnen, nicht immer einfach; auch, weil wir in einem System leben, in dem Rassismus strukturell konstruiert und aufrechterhalten wird. Unsere Sichtweise ist von einem weißen Blick geprägt, unsere Geschichtsvermittlung, Literatur und Sprache durchdrungen von rassistischen Strukturen. Deshalb merken wir es oft nicht einmal, wie rassistisch wir denken, reden und agieren.

Was erleben Sie im Rahmen der Trainings noch?

Manchmal kommt es auch zu einer Opfer-Täter*innen-Umkehr, und neben Aussagen, wonach wir angeblich doch alle die gleichen Chancen hätten, unabhängig von unserer Hautfarbe, Religion, Klassenzugehörigkeit oder Geschlecht, höre ich auch oft, dass weiße Menschen ja genauso diskriminiert werden können. Workshops zu diesen Themen können nicht nur für die Trainer*innen, sondern auch für die Teilnehmenden anstrengend sein. So ein Perspektivenwechsel ist nicht immer komfortabel. Hier kommt noch hinzu, dass es die aufrichtige Bereitschaft erfordert, unsere weißen Privilegien, mit denen wir uns womöglich nie vorher auseinandergesetzt haben, weil wir nie von Rassismus betroffen waren, anzuerkennen und dadurch auch zu sehen, welche Privilegien wir dadurch (wieder bewusst oder unbewusst) vielen Menschen oder Personengruppen verwehren.

Was sollen Führungskräfte tun, wenn es einen rassistischen Vorfall im Team gab?

Wenn Sie ein diverses Team haben, besonders, wenn dieses Team oder ein Teammitglied noch relativ neu ist, kann es passieren, dass es zu einem rassistischen Vorfall kommt. Wichtig ist es, die Gefühle der von Rassismus betroffenen Person zu hören, zu glauben und ernst zu nehmen. Führungskräfte sollten den Vorfall im Team ansprechen und klar signalisieren, dass es sich um Rassismus handelt und gemeinsam mit dem Team entscheiden, sich mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen. Eine gute Möglichkeit hierfür sind neben Konfliktmanagement auch Weiterbildungsmöglichkeiten zur Förderung von rassismuskritischem Denken. Mit einer einzigen Fortbildung ist es in der Regel aber nicht getan. Auch danach sollte man miteinander über das Thema im Gespräch bleiben und sich regelmäßig dazu austauschen.

Und was macht man als Beschäftigte*r, wenn sich der Chef oder die Chefin rassistisch äußert?

Meistens haben Betroffene schon viel Erfahrung mit rassistischen Äußerungen gemacht und mussten sich bereits Strategien überlegen, um diese ständigen Diskriminierungen halbwegs gesund zu überstehen. Trotzdem kommt es darauf an, wie die Tagesverfassung ist, außerdem steht man ja gerade zum Chef bzw. zur Chefin in einem Abhängigkeitsverhältnis. Als Zuhörer*in sollte man die von Rassismus betroffene Person unterstützen und die eigene Stimme erheben – denn das ist eines der größten Probleme. Wenn Menschen, die nicht selbst betroffen sind, schweigen. Generell gilt aber: Im Unternehmen sollte die Diskussion nicht darum gehen müssen, wie man am besten auf rassistische Äußerungen reagiert, sondern wie wir eine Kultur des Miteinanders schaffen, in der alle gleichermaßen wertgeschätzt werden, denn das ist die beste Prävention.

Melinda Tamás ist Antirassismustrainerin, Lehrende für politische Bildung und angewandte Menschenrechte und forscht zu Extremismusprävention. Sie lebt und arbeitet in Wien.

Das Wichtigste zum Antirassismus-Training auf einen Blick

Rassismus ist häufig strukturell verankert

Unternehmen müssen nicht nur auf Einzelvorfälle reagieren, sondern ihre Prozesse und Strukturen grundlegend überdenken – das betrifft besonders Führungskräfte.

Antirassismus-Training ist kein einmaliges Event

Nachhaltiger Wandel erfordert kontinuierlichen Austausch und regelmäßige Weiterbildung – eine Schulung allein reicht nicht aus.

Die stärkste Prävention ist keine Reaktionsstrategie

Im Unternehmen sollte es nicht darum gehen, wie man auf Rassismus reagiert – sondern wie eine Kultur des Miteinanders entsteht, in der alle gleichermaßen wertgeschätzt werden.

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