Der Koffer ist noch nicht ganz ausgepackt, doch das Gefühl der Erholung ist schon wieder verschwunden. Viele Beschäftigte, aber auch Führungskräfte kennen dieses ernüchternde Erlebnis. Die Folgen können gereizte Teams, sinkende Motivation und im schlimmsten Fall sogar steigende Fehlzeiten sein.
Was viele für Einbildung halten, kann die Arbeits- und Erholungsforschung heute genau erklären. Und sie zeigt: Erholung ist längst nicht nur Privatsache. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen, die im Wettbewerb um Fachkräfte auf jede einzelne Mitarbeiterin und jeden einzelnen Mitarbeiter angewiesen sind, lohnt sich ein genauerer Blick auf das Thema. Denn erholte Beschäftigte sind oft leistungsfähiger, zufriedener und fallen seltener aus.
Dr. Johannes Wendsche, habilitierter Psychologe und Senior Scientist bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), forscht seit Jahren zu diesem Thema. Gemeinsam mit Kolleg*innen hat er 2024 eine Metaanalyse zur Wirkung von Urlaub auf das Wohlbefinden von Beschäftigten veröffentlicht. Ein zentraler Befund: Erholung wirkt zwar messbar – hält aber oft nur kurz an. Genau deshalb lohnt es sich genauer zu betrachten, wie sich Entspannung verlängern lässt.
Der Fade-Out-Effekt: Warum die Erholung so schnell verpufft
Wie schnell der Erholungseffekt eines Urlaubs verfliegt, überrascht. „Im Durchschnitt kehrt das Wohlbefinden bereits etwa eine Woche nach dem Urlaubsende wieder auf das Niveau von vorher zurück“, erklärt Wendsche. Besonders aufschlussreich: Die Erholungswirkung eines Urlaubs ist im Schnitt kaum größer als die einer täglichen Arbeitspause. „Man geht gemeinhin davon aus, dass eine längere Erholungsphase automatisch mehr bringt. Im Durchschnitt bestätigt sich das jedoch nicht“, so Wendsche.
Im Urlaub findet ein Belastungswechsel statt, die inneren Ressourcen können sich wieder aufladen – vorausgesetzt, die Aktivitäten sind tatsächlich erholsam. Ein Hauptgrund für den schnellen Rückgang des Wohlbefindens nach dem Urlaubsende ist häufig schlicht die liegen gebliebene Arbeit, mit der Beschäftigte plötzlich konfrontiert werden.
Länge und Distanz sind überbewertet
Nicht jeder vermeintliche Erholungsfaktor hält, was er verspricht. Weder eine besonders lange Urlaubsdauer noch eine besonders weite Reise garantieren mehr Erholung – die Studienlage zeigt kaum einen messbaren Zusammenhang zwischen der Anzahl der Urlaubstage und dem Erholungseffekt. Daraus lässt sich eine klare Empfehlung ableiten: Mehrere Urlaube, über das Jahr verteilt, wirken oft genauso gut wie ein einziger, sehr langer Urlaub – für Unternehmen bedeutet das auch mehr Flexibilität in der Personalplanung.
Auch beim Reiseziel gilt: Nah- und Fernurlaub wirken ähnlich gut. „Distanz spielt durchaus eine Rolle, doch sie ist nicht allein durch die physische Entfernung bestimmt“, erklärt Wendsche. Der eigentliche Schlüssel zur Erholung sei das psychische Abschalten von der Arbeit – das lasse sich auch im Nahurlaub gut umsetzen, etwa indem man den Laptop zuhause lässt und keine Arbeits-Mails liest.
Drei Phasen, die über die Erholung entscheiden
Wenn also weder Dauer noch Distanz den Unterschied machen, stellt sich die Frage: Was zählt dann wirklich? Die Antwort liegt in der bewussten Gestaltung dreier Phasen.
- Vor dem Urlaub hilft eine gute Planung – von der Urlaubsübergabe, Unterkunft über den Reiseweg bis zur mentalen Vorbereitung auf Unwägbarkeiten. Ebenso wichtig sind Absprachen innerhalb der Reisegruppe, damit Erwartungen und Wünsche berücksichtigt werden können.
- Im Urlaub selbst wirken soziale Aktivitäten und Bewegung erholsamer als reines Ausruhen. Entscheidend ist außerdem das Kontrollerleben – das Gefühl, die eigene Zeit selbst gestalten zu können – sowie die Wahl von Aktivitäten, die tatsächlich Freude bereiten.
- Nach dem Urlaub hilft es, positive Erlebnisse bewusst zu reflektieren, etwa durch Fotos – das verlangsamt den Fade-Out-Effekt. Ein pragmatischer Trick: erst in der Wochenmitte wieder mit der Arbeit zu beginnen. So verkürzt sich die erste, oft stressige Belastungsphase bis zum nächsten freien Wochenende deutlich. Weitere hilfreiche Tipps für das Stimmungstief nach dem Urlaub, finden Sie in unserem Artikel zum Post-Holiday-Syndrom.
Die E-Mail-Flut als Belastungstest
Besonders greifbar wird die Nachurlaubsphase am überfüllten E-Mail-Postfach. Hier rät Wendsche zum Priorisieren nach Dringlichkeit, statt alles auf einmal abzuarbeiten – sowie zu klaren Vertretungsregelungen, die bereits vor dem Urlaub verbindlich geklärt werden. Besonders in kleineren Teams mit wenig Personalreserve ist das entscheidend.
Erholung als Führungsaufgabe
Erholung ist damit nicht nur eine individuelle, sondern auch eine unternehmerische Aufgabe. Führungskräften kommt zusätzlich eine wichtige Vorbildfunktion zu. „Wenn Mitarbeitende erleben, dass ihre Führungskraft sonntags keine E-Mails verschickt, entsteht eine Norm, die auch klare Grenzen zulässt“, so Wendsche. Für kleine und mittlere Unternehmen ist das eine wirksame und kostengünstige Stellschraube, denn Kulturwandel beginnt oft im direkten Vorbild der Geschäftsführung.
Um diesen Wandel messbar zu machen, hat Wendsche gemeinsam mit Dr. Tina Karabinski von der TU Dresden das Konzept „Erholungsklima im Betrieb“ entwickelt – ein validiertes, kostenfreies Messinstrument der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), mit dem sich der Ist-Zustand im eigenen Betrieb erfassen lässt. Weitere Stellschrauben sind die konsequente Einhaltung von Arbeitszeit- und Bundesurlaubsgesetz, eine verlässliche Arbeitszeitdokumentation sowie die Gefährdungsbeurteilung, mit der sich Belastungsfaktoren wie fehlende ruhige Pausenräume erkennen lassen.
Fazit: Erholung braucht Kultur
Wendsches zentrale Botschaft: „Erholung sollte nicht nur individuell betrachtet werden. Auch im Betrieb gibt es wichtige Ansatzpunkte – dazu zählt vor allem eine gute Erholungskultur.“ Erholung ist damit kein Selbstläufer, der allein von der Urlaubslänge oder der Reisedistanz abhängt. Entscheidend ist die bewusste Gestaltung aller drei Phasen des Urlaubs sowie eine Unternehmenskultur, die Erholung aktiv ermöglicht, statt sie zu erschweren. Für kleine und mittlere Unternehmen kann genau das zu einem echten Wettbewerbsvorteil werden: zufriedene, leistungsfähige Beschäftigte, die dem Betrieb langfristig treu bleiben.
Praxis-Tipp: Mit dem kostenfreien Fragebogen „Erholungsklima im Betrieb“ (DGUV/IAG-Report) können Unternehmen in rund 15 Minuten herausfinden, wie es um die Erholungskultur im eigenen Team steht – und gezielt dort ansetzen, wo Verbesserungsbedarf besteht.