Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Aktuell gibt es in Deutschland sechs Millionen Pflegebedürftige – und in einer alternden Gesellschaft werden es mehr. Die Folge? Immer mehr Erwerbstätige stehen vor der Herausforderung, Beruf und Pflege miteinander zu vereinbaren. Häufig trifft es Menschen in ihren 30er- oder 40er-Jahren – genau in der Phase, in der sie beruflich maximal eingespannt sind und oft parallel noch die eigenen Kinder betreuen. Krolzig berichtet von immer mehr Mitarbeitenden, deren Eltern und Großeltern gleichzeitig pflegebedürftig sind. Dann kann es passieren, dass sie zeitgleich die Bedürfnisse dreier Generationen jonglieren müssen – ohne dabei selbst auf der Strecke zu bleiben.
Für kleine und mittlere Unternehmen wird die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege damit zunehmend zu einer organisatorischen und personellen Herausforderung – die zunächst nicht immer unmittelbar sichtbar ist. Bei unserem Unternehmensbeispiel haben gezielte Gespräche und die Analyse betrieblicher Zusammenhänge einen wesentlichen Zusammenhang offengelegt: Viele spontane Krankmeldungen standen im Zusammenhang mit akuten Pflegesituationen. Der Dialog mit den Beschäftigten und die systematische Betrachtung der Situation machten damit einen Handlungsbedarf sichtbar, der zuvor in seinen konkreten Auswirkungen nicht erkennbar war. Auf dieser Grundlage konnte das Thema gezielt aufgegriffen und nach geeigneten Lösungen gesucht werden.
Krankschreibung mit Nebenwirkungen
„Was ist für Führungskräfte eine große Herausforderung? Eine spontane Krankmeldung am Montagmorgen! Das ist ein erheblicher organisatorischer Mehraufwand, für eine Vertretung zu sorgen“, schildert Krolzig das Problem. Umso mehr bei NOWEDA, einem bundesweit agierenden Pharmagroßhändler mit 20 Niederlassungen. Hier arbeiten viele Beschäftigte in sogenannter Basistätigkeit – in der Lagerlogistik mit einem hohen Takt. Oft müssen Arzneimittel innerhalb von Stunden lieferbar sein. In diesem hektischen Berufsalltag ist nicht viel Raum für spontane Ausfälle. So erschien es vielen Angestellten gar nicht denkbar, nach Sonderurlaub oder kurzfristigen Arbeitszeitanpassungen zu fragen, wenn sie plötzlich für die Pflege ihrer Angehörigen einspringen mussten – insbesondere in ohnehin stressigen Phasen wie während der Grippesaison. Die vermeintliche Lösung? Eine Krankschreibung, um sich in Ruhe um die Pflegebedürftigen kümmern zu können. Doch diese hatte Nebenwirkungen: Die Arbeitsunfähigkeitsquote stieg, die Planbarkeit litt, der Frust auf allen Seiten wuchs und das eigentliche Problem blieb im Verborgenen.
Die Lösung: BEM-Koordinator*innen werden zu Pflegelots*innen
Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, ging NOWEDA einen ganz eigenen Weg. Ursprünglich bildete das Unternehmen in allen Niederlassungen Kolleg*innen zu Beauftragten für das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) aus. In den vertraulichen BEM-Gesprächen zeigte sich schnell, wie viel Raum die Pflege von Angehörigen im Leben der Beschäftigten einnimmt. „Dann ist uns erstmal bewusst geworden, wie viel tatsächlich im Verborgenen liegt – und dass es gar keine Kommunikationsstruktur, keinen Anlass oder Gesprächspartner*in vor Ort gibt“, fasst Krolzig die unerkannte Lücke zusammen.
Die Konsequenz: NOWEDA erweiterte das Anforderungsprofil – und schulte die BEM-Koordinator*innen vor Ort mit Unterstützung eines Employee Assistance Program (EAP) zusätzlich zu Pflegelots*innen. Sind Beschäftigte jetzt mit einem Pflegefall in der Familie konfrontiert, können sie sich an jedem Standort vertrauensvoll ergänzende Hilfe holen. Die Pflegelots*innen haben ein offenes Ohr für alle Fragen und Sorgen rund um das Thema Pflege und wissen, an wen sich Beschäftigte mit ihren Anliegen wenden können. Und Fragen wirft ein Pflegefall in der Familie unzählige auf: Kann ich meine Stunden reduzieren? Wie gelange ich an finanzielle Unterstützung? Und wo beantrage ich eigentlich einen Pflegegrad? Das direkte Gespräch mit neutralen Ansprechpartnern stellt eine viel niedrigere Hemmschwelle dar.
So trug das Angebot auch schnell Früchte: Innerhalb von zwei Jahren verdreifachten sich die Anfragen der Beschäftigten zum Thema Pflege bei dem zuständigen Kooperationspartner. Auch Dennis Krolzig hat viel positiven Zuspruch für sein Engagement erfahren. Er berichtet von dem Feedback, das ihn auf internen Veranstaltungen oder per Telefon von begeisterten Beschäftigten erreicht hat: „Die Pflegelots*innen sind super, die haben mir damals wirklich sehr geholfen – ganz herzlichen Dank!“
Was Pflegelots*innen bei NOWEDA leisten – und was nicht:
- Niedrigschwellige Anlaufstelle: Sie hören zu, nehmen Sorgen auf und reduzieren Hemmschwellen.
- Erstorientierung & Wegweiser im System: Sie zeigen erste Schritte auf, informieren über betriebliche Möglichkeiten wie Familienpflegezeit und vermitteln Betroffene an professionelle Stellen (Pflegekassen, lokale Pflegestützpunkte, EAP-Beratung).
- Keine Pflegegutachter*innen: Sie müssen keine Fachexpertise für Pflegegrade oder Antragsformulare besitzen.
Das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) hat zu diesem Thema den online verfügbaren Leitfaden „Betriebliche Pflegelotsende erfolgreich einsetzen“ herausgegeben.
Blick aufs Ganze: Von der Taschenlampe zur Deckenleuchte
Dennis Krolzig betont, wie wichtig es sei, das Thema Pflege von Angehörigen im Unternehmen zu verankern. Dafür unerlässlich aus seiner Perspektive? Führungskräfte, die für die Mammutaufgabe Pflege sensibilisiert sind. Hier gilt es, Barrieren abzubauen. Denn wer versteht, dass hinter dem spontanen Ausfall eine akute Pflegekrise steckt, der reagiert anders. So gehe es bei der Unterstützung pflegender Angehöriger letztlich um einen Perspektivwechsel im Management: „Im Arbeitsalltag schauen wir oft auf einzelne Kennzahlen – Verfügbarkeit von Arzneimitteln, Peak-Leistung, Fehlerquote, Geschwindigkeit. Hier müssen wir rauszoomen und einen ergänzenden Blick bekommen, in dem man den Menschen in seiner Gesamtheit betrachtet.“ Auf diese Weise kann es gelingen, gemeinsam flexible Lösungen zu finden – und Angestellten den dringend benötigten Raum für die Pflege ihrer Angehörigen zu geben. Die erfreulichen betriebswirtschaftlichen Konsequenzen? Die Planbarkeit erhöht sich, Fehlzeiten werden reduziert und die Produktivität gesteigert. Zudem wächst die Identifikation der Beschäftigten mit ihrem Arbeitgebenden.
Was kleine und mittlere Unternehmen (KMU) direkt tun können
Doch wie können kleinere Unternehmen das große Thema Pflege angehen? Auch Betriebe mit wenigen Mitarbeitenden und kleineren Strukturen können das Thema Pflegeverantwortung wirksam anpacken – dafür braucht es keine eigene Personalabteilung oder ein großes Budget. Mit Blick auf KMU rät Krolzig zu folgenden Schritten, die sich niedrigschwellig umsetzen lassen:
Eine geeignete Vertrauensperson im Betrieb benennen und mit dem nötigen Wissen ausstatten. Kostenfreie Schulungen bieten z. B. Kranken- und Pflegekassen oder Industrie- und Handelskammern (IHK) an. Betriebseigene Kanäle nutzen, um das neue Angebot bekannt zu machen: per Rundmail, am Schwarzen Brett oder in der Mitarbeitendenversammlung.
Die Unternehmensführung sollte aktiv und öffentlich (z. B. bei Betriebsversammlungen oder im Aushang) erklären: „Pflege ist eine gesellschaftliche Mammutaufgabe, wir sehen, was ihr leistet! Und wir wollen gemeinsam nach Lösungen suchen, wie man Beruf und Pflege besser miteinander verbinden kann.“
Positiv gelöste Praxisbeispiele im Betrieb anonymisiert teilen, um anderen Betroffenen den Mut zu geben, das Thema frühzeitig anzusprechen.