Diversity 3 Minuten Lesezeit Viel­falt im Hand­werk: Of­fen­heit und To­le­ranz ver­bes­sern das Be­triebs­kli­ma Startseite Vernetzen Netzwerke Aus der Netzwerkpraxis

Ob Fachkräftesicherung, Generationenwechsel oder neue Erwartungen an die Arbeitskultur – Handwerksbetriebe stehen vor vielfältigen Herausforderungen. Vielfalt in der Belegschaft kann dabei helfen, unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven einzubringen und ein gutes Miteinander im Team zu fördern.

Der Verein Buntes Handwerk setzt sich seit 2023 dafür ein, Vielfalt in der Branche sichtbarer zu machen und den Austausch zu fördern. Mit Co-Gründerin Stefanie Treiber sprachen wir darüber, welche Rolle Vielfalt im Handwerk spielt, welche Herausforderungen Betriebe beschäftigen und was junge Menschen heute von ihrem Arbeitsumfeld erwarten.

Frau Treiber, was bedeutet für Sie Vielfalt?

Vielfalt heißt für mich, dass jede und jeder so leben kann, wie sie oder er es für sich für richtig hält, und sich damit nicht verstecken muss – sowohl privat als auch beruflich.

Wie steht es um die Vielfalt in der Handwerksbranche?

Grundsätzlich betrachten wir Vielfalt in allen sieben Dimensionen: Alter, Migrationsgeschichte und Nationalität, Geschlecht und geschlechtliche Identität, körperliche und geistige Fähigkeiten, Religion und Weltanschauung, sexuelle Orientierung sowie soziale Herkunft.

Einige dieser Dimensionen von Vielfalt sind im Handwerk stark vertreten, andere noch nicht. Bislang zu wenig präsent sind ganz klar die Dimensionen Geschlecht und geschlechtliche Identität sowie sexuelle Orientierung. Dies liegt an unserer patriarchal aufgebauten Gesellschaft, die sich im Handwerk widerspiegelt.

Stefanie Treiber, Co-Gründerin von Buntes Handwerk e. V.

Was war der ausschlaggebende Grund, der Sie dazu veranlasst hat, Buntes Handwerk zu gründen?

Die Initiatorin des Netzwerks ist Maren Kogge. 2023 wurde sie zur Miss Handwerk gekürt und fungierte dadurch ein Jahr lang als Botschafterin des Handwerks auf zahlreichen Veranstaltungen. Dabei stellte sie fest, dass sie in ihrer Rolle vor allem bislang wenig sichtbare Gruppen vertreten möchte. Sie kam auf mich zu und stellte ihre Idee vor, einen Verein zu gründen. So entstand Buntes Handwerk, das mittlerweile fast 200 Mitglieder aus 130 Handwerksberufen und über 10.000 Follower*innen bei Instagram hat. Das große Interesse zeigt, dass ein hoher Bedarf an den Themen Vielfalt, Akzeptanz und Chancengleichheit in der Branche besteht.

Unsere Gesellschaft öffnet sich bereits seit Jahren – für die junge Generation ist Vielfalt oft ein fester Bestandteil des Lebens. Hier muss das Handwerk nachziehen. Denn da, wo junge Menschen auf traditionelles Handwerk treffen, treffen immer noch oft Welten aufeinander. Buntes Handwerk soll die Vielfalt in der Branche sichtbar und somit auch überhaupt möglich machen.

Wie unterstützt Buntes Handwerk Betriebe konkret?

In erster Linie möchten wir das Thema Vielfalt in der Branche sichtbar machen. Außerdem unterstützen wir als Netzwerk den Austausch in der Community. Dafür organisieren wir bundesweit Informationsveranstaltungen und sind präsent auf Messen und Kongressen. Wenn ein Betrieb Fördermitglied wird, bekommt es außerdem eine kostenfreie, halbtägige Betriebsschulung in Kommunikationstechniken zum diskriminierungsfreien Handeln.

Was möchten Sie im Netzwerk noch erreichen?

Langfristig möchten wir dazu beitragen, das Thema Diversität als Unterrichtsstoff in Berufsschulen einzuführen. In der Gesellschaft ist Vielfalt bereits angekommen, im Handwerk noch nicht überall. Das wollen wir ändern. Denn es wird in den kommenden Jahren entscheidend sein, die Sprache der jungen Menschen zu sprechen – diese legen heute oftmals Wert auf Zugehörigkeit, Vielfalt und ein offenes Arbeitsumfeld. Das Verständnis darüber wird entscheidend sein, ob ein Handwerksbetrieb Zukunft hat und als sicherer Ort gewählt wird oder nicht. Dennoch: Ein Wandel ist nicht von heute auf morgen möglich und muss gelernt sein.

Was sind die Beweggründe, warum Handwerksbetriebe oder ihre Belegschaft sich an Buntes Handwerk wenden?

Am häufigsten wenden sich junge Betriebsführende an uns, die mehrere Generationen unter den Mitarbeitenden haben und über ein schlechtes Betriebsklima klagen. Am Ende leidet die Arbeitsqualität, weil die Belegschaft unzufrieden ist. Sie möchten das ändern, wissen aber nicht wie.

Dazu kommt der Fachkräfteengpass: In der Industrie wird Diversity seit Jahren als Wert erkannt. Wenn das Handwerk nicht nachzieht, gehen die jungen Fachkräfte zunehmend in andere Branchen oder zu anderen Arbeitgebenden und sind für das Handwerk womöglich für immer verloren, obwohl sie eigentlich einen handwerklichen Beruf ausüben wollten. Dem wollen die Betriebe entgegenwirken.

Wie profitieren Handwerksbetriebe davon, wenn sie auf Vielfalt in der Belegschaft setzen?

Sie stärken damit ihre Zukunftsfähigkeit. Denn wenn ein Unternehmen offen und tolerant wird, verbessert es das Betriebsklima. Und Zufriedenheit in der Belegschaft führt zu hoher Qualität und Leistung. Kein Unternehmen profitiert langfristig davon, wenn es beispielsweise nur Männer oder ausschließlich Frauen beschäftigt. Vielseitige Perspektiven und Sichtweisen in der Belegschaft geben auch die vielfältige Kundschaft wieder und holen diese am besten ab.

Und das auf verschiedenen Ebenen, richtig?

Genau – ein Team bestärkt sich immer am besten, wenn es ausgewogen und vielfältig ist. Auch Altersdiversität spielt hier eine große Rolle. Ältere Mitarbeitende punkten mit gutem Fachwissen und oft pragmatischen Vorgehensweisen – in Kombination mit den digitalen Fähigkeiten der jungen Generation bringt so ein Team den größten Nutzen.

Was die vielfältigen Menschen im Handwerk verbindet, ist …

… die Liebe zu einem sinnstiftenden Beruf. Denn egal, in welcher Generation wir geboren sind – wir sind alle Handwerker*innen geworden, um Menschen das Leben im Alltag zu erleichtern.

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