„Das Thema gehört an jede Bushaltestelle und in jeden Kindergarten“
  • Oft merken Menschen erst dann, dass etwas aus der Balance geraten ist, wenn sich bereits gravierende psychische oder körperliche Symptome zeigen.
  • Wer lernt Hinweise früh zu bemerken und darauf reagiert, ist psychischen Belastungen nicht hilflos ausgeliefert.
  • Im Gespräch erläutert Psychiater Prof. Dr. med. Mazda Adli, warum Prävention und ein offener Umgang mit psychischer Gesundheit so wichtig sind.

Herr Adli, was können wir tun, um die Grenzen unserer psychischen Belastbarkeit früher wahrzunehmen und achtsamer mit uns selbst zu sein?

Dazu gehört in aller erster Linie Aufklärung – und zwar Aufklärung über den Stellenwert von psychischer Gesundheit. Da gibt es aus meiner Sicht viel Luft nach oben. Wir wissen alle, wie wichtig es ist, sich jeden Tag die Zähne zu putzen, sich gesund zu ernähren, Sport zu treiben usw. Aber bei der alltäglichen Pflege der Psyche fehlt es an Gesundheitsbewusstsein. Idealerweise beginnt die Gesundheitsaufklärung bereits im Kindergarten. Wir haben eben nicht nur Arme, Beine und Organe, sondern auch die Psyche, die uns als Menschen ausmacht und ein enorm wichtiger Teil unseres Lebens und unserer Biologie ist. 

Als Psychiater haben Sie tagtäglich mit Menschen zu tun, die unter psychischen Problemen leiden. Wie häufig begegnet Ihnen der Satz „Wäre ich doch nur früher gekommen“?

Häufig! Aber auch erst dann, wenn die Patient*innen verstanden haben, dass sie unter einer psychischen Erkrankung leiden und dass sich Symptome, die sie manchmal bereits seit Monaten oder gar Jahren bemerken, durch eine Diagnose eindeutig erklären lassen. Wir erreichen die Menschen aber leider erst, wenn sie schon bei uns sind. In vielen Fällen lassen sich Symptome und belastende Einflüsse, die einer psychischen Erkrankung erst den Weg bereiten, über einen sehr langen Zeitraum zurückverfolgen. Wenn es mehr Bewusstsein dafür gäbe, wie Stress zu psychischen Krankheiten führen kann und wie man für Ausgleich sorgt, ließen sich viele Krankengeschichten vermeiden.

Aus Ihrer Erfahrung: Gibt es eine Erklärung dafür, dass Menschen mit anhaltenden psychischen Beschwerden nicht früher zu Ihnen kommen?  

Wir erleben tagtäglich, wie stigmatisiert psychische Probleme noch immer sind. Nach wie vor ist es peinlich, darüber zu sprechen. Psychische Symptome und Beschwerden werden von Betroffenen deshalb häufig schlicht nicht als solche erkannt, sondern als persönliche Schwäche empfunden, als etwas, für das man persönlich verantwortlich ist. Ein Beispiel dafür ist das Thema Einsamkeit. Das gehört zu den am meisten tabuisierten Gefühlen, die in der Behandlung beschrieben werden. Wir erleben aber auch ganz grundsätzlich, dass der Zugang zu den eigenen Emotionen, also den Ausdrucksformen der Psyche, nicht selbstverständlich ist und vielen Menschen alles andere als leichtfällt. Vieles wird gar nicht wahrgenommen. Deshalb ist ein wichtiger Teil der Präventionsarbeit, Menschen eine Art Emotionsschlüssel zu geben, der es ihnen ermöglicht, die eigene seelische Befindlichkeit besser zu beobachten und zu bewerten. 

Unsere Welt, auch die innere, wurde durch die Corona-Pandemie auf den Kopf gestellt. Welchen Einfluss hat diese gemeinsame Krisenerfahrung für die Bedeutung psychischer Gesundheit in der Gesellschaft? 

Die Pandemie ist nicht nur eine infektiologische, sondern auch eine psychologische Krise. Sie ist eine seelische Belastung selbst für die Resilientesten von uns. Zugleich sorgt die Krise aber auch dafür, dass viele Menschen die Bedeutung der psychischen Gesundheit stärker wahrnehmen. Auffällig ist, dass es Menschen seit der Pandemie etwas leichter zu fallen scheint, über Psyche zu sprechen. Die gemeinsame Krisenerfahrung scheint dafür zu sorgen, dass die Psyche salonfähiger geworden ist. Ich glaube, dass Corona in gewisser Weise ein „Window of opportunity“ für die Präventionsarbeit öffnet. Die Pandemie hat vieles schwerer gemacht, über Prävention zu sprechen, hat sie jedoch erleichtert. Auch sind die Menschen durch sie kompetenter darin geworden, Gesundheitsinformationen aufzunehmen. 

Sie haben auch zum Thema Städteplanung und Stress geforscht. Was wissen wir darüber, welchen Einfluss Umgebungsfaktoren auf die individuelle psychische Gesundheit haben?

Die Umgebung ist absolut relevant für unser seelisches Befinden. Wenn wir an psychische Belastungen denken, sind das vor allem individuelle Schwierigkeiten, zwischenmenschliche Konflikte, finanzielle Sorgen usw. Wir lassen häufig außer Acht, wie wichtig auch unsere Umgebung ist. Damit befassen wir uns in der Neurourbanistik. Wir können sehr gut zeigen, wie eine städtische Umgebung auf die psychische Gesundheit wirkt. Menschen in Städten haben ein höheres Risiko für stressabhängige Erkrankungen. Sozialer Stress scheint hier eine große Rolle zu spielen. Wir sehen also eine Wechselwirkung aus „gebauter“ und „sozialer“ Umgebung. Wir haben klare neurologische Befunde, dass z. B. Grünflächen in Städten einen stressmildernden Einfluss haben. Zudem konnten Forscher*innen anhand des umfassend bekannten und erforschten Einflussfaktors des Cannabiskonsums zeigen,  dass – bei gleicher genetischer Disposition – das Stadtleben einen ähnlich großen Einfluss auf das Risiko für die Entwicklung einer Schizophrenie hat wie Cannabiskonsum. Städteplanung ist demnach ein wichtiger Hebel in der Prävention psychischer Erkrankung.    

Die Offensive Psychische Gesundheit hat zum Ziel, die psychische Gesundheit in allen Lebenswelten zu stärken und mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Belastungen zu bewirken. Was raten Sie den Akteur*innen: Wo muss Prävention ansetzen, um wirksam zu werden?   

Prävention und das offene Gespräch über psychische Gesundheit müssen früh beginnen. Entscheidend ist die Aufklärung der Allgemeinbevölkerung über psychische Schutzfaktoren und darüber, was man machen kann, bevor es zu spät ist. Dazu gehört eine stigmafreie Haltung gegenüber psychischen Erkrankungen und dass psychische Fragen besprechbar werden. Meiner Meinung nach gehört das Wissen darüber, wie man mit Stress umgeht, zur allgemeinen Gesundheitsaufklärung. Das ist etwas so Simples, dennoch werden aber viele psychische Erkrankungen erst durch Stress ausgelöst. Wir sind dem nicht hilflos ausgeliefert, sondern können lernen, Hinweise früh zu bemerken und darauf zu reagieren. Den Menschen diese Botschaft zu vermitteln, ist von zentraler Bedeutung – genauso wie die Aufklärung über die Häufigkeit psychischer Störungen. Am Beispiel der Corona-Pandemie sehen wir, wie intensive Informationsarbeit zu Verhaltensänderung führen kann. Deshalb sage ich: Das Thema Psyche gehört an jede Bushaltestelle und in jeden Kindergarten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. med. Mazda Adli ist Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Leiter des Forschungsbereichs „Affektive Störungen“ an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité – Universitätsmedizin Berlin, Campus Charité Mitte.

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