„Ideal ist, wenn die Vermittlung von Kenntnissen über Resilienz wie selbstverständlich in die Lern- und Lebenswelten eingebaut wird“

Resilienz bekommt in der Corona-Pandemie einen neuen Stellenwert in der Gesellschaft. Was genau Resilienz eigentlich ist, wie sie gefördert werden kann und welche Bedeutung sie für die psychische Gesundheit hat, erklärt Prof. Dr. Klaus Lieb vom Leibniz-Institut für Resilienzforschung im Interview.

Herr Lieb, Sie sind Psychiater und haben sich in Ihrer beruflichen Laufbahn zunächst mit den Erkrankungen der Psyche befasst. Wie kam es, dass Sie sich für das Thema Resilienz interessiert haben?

In den letzten Jahrzehnten haben sich die Behandlungsmöglichkeiten für psychische Erkrankungen zwar immer weiter verbessert, dennoch ist mir immer klarer geworden, dass wir viel effektiver sein können, wenn wir verhindern, dass psychische Erkrankungen überhaupt entstehen. Der Prävention, also der Vorbeugung psychischer Erkrankungen, kommt leider immer noch zu wenig Bedeutung zu. Das wollen wir ändern. Für eine gesunde Psyche zu sorgen ist genauso wichtig wie für ein gesundes Herz oder die Vorbeugung von Krebserkrankungen.

Beim Thema „Psyche“ oder auch „Psychische Gesundheit“ assoziieren viele Menschen als erstes psychische Erkrankungen. Was wissen wir eigentlich darüber, was uns psychisch gesund und im Gleichgewicht hält, nicht nur im Alltag, sondern auch unter belastenden Bedingungen?

Wir bezeichnen die Fähigkeit, trotz Stress und widriger Lebensumstände psychisch gesund zu bleiben, als Resilienz. Wenn wir schon wüssten, welche Mechanismen dieser Fähigkeit genau zugrunde liegen, hätten wir kein eigenes Institut dafür gegründet. Dennoch gibt es schon eine Reihe an wissenschaftlichen Erkenntnissen, welche Resilienzfaktoren uns psychisch stabil halten. Dazu gehören z. B. soziale Unterstützung, die Fähigkeit zum optimistischen Denken und zum Umdenken, d. h. in belastenden Dingen auch eine Chance zu sehen, die Fähigkeit zur Selbstfürsorge, aber auch Dinge wie regelmäßige Bewegung, ausreichender Schlaf und gesunde Ernährung.

Es scheint, als herrsche in einigen Teilen der Gesellschaft immer noch das Bild vor, dass es Menschen mit psychischen Problemen an Willensstärke, Disziplin oder mangelnder Leistungsfähigkeit fehlt - dass sie sich einfach mal „zusammenreißen“ sollten.  Andere wiederum erklären jede Reaktion auf besondere Lebensereignisse schnell als behandlungsbedürftige Erkrankung. Sind wir wirklich so unterschiedlich belastbar, oder wie erklären Sie sich die Extreme?

Grundsätzlich wohnt die Fähigkeit zur Resilienz jedem Menschen inne. Gleichzeitig sehen wir sehr große Unterschiede in der Belastungsfähigkeit der Menschen. Wichtig ist, dass nicht jede psychische Reaktion mit einer psychischen Erkrankung gleichzusetzen ist. Hochs und Tiefs gehören zu unserem Leben dazu. Wenn aber Gefühle wie Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Interessenlosigkeit oder Angst lange und kontinuierlich anhalten, kann eine psychische Erkrankung vorliegen, die unbedingt von Fachleuten abgeklärt werden sollte. In diesem Fall versagt in der Regel die Fähigkeit zur Willensstärke und Disziplin. Hier hilft nur die Behandlung durch Expertinnen und Experten.

Wissen wir überhaupt schon genug, wie wir psychisch gesund bleiben oder psychischen Erkrankungen vorbeugen können?  Wie kann es uns gelingen, Grenzen der eigenen Belastbarkeit  besser und frühzeitiger wahrzunehmen, damit aus Stress und Belastung keine dauerhafte psychische Überlastung oder gar  Erkrankung wird?

Psychische Erkrankungen, die infolge von Stress-und Belastungssituationen auftreten, haben meist einen langen Vorlauf. Hier ist es besonders wichtig, frühzeitig die individuell immer sehr unterschiedlichen Frühwarnsymptome zu erkennen, die anzeigen, dass aus einer normalen Stressreaktion eine chronische Stressreaktion bzw. ein „Burnout“ wird. Solche anhaltenden Stressreaktionen erhöhen deutlich das Risiko, eine psychische Erkrankung wie eine Depression, eine Angststörung oder Suchterkrankungen zu entwickeln. Typische Wahnsymptome sind anhaltende Nervosität, Schlaflosigkeit, ständiges Grübeln und erhöhte Erschöpfbarkeit. Psychisch gesund sein heißt nicht, diese Symptome nicht zu kennen, aber dafür zu sorgen, dass sie nicht chronisch werden und unser Leben bestimmen.

Ist es möglich, die psychische Gesundheit und Widerstandskraft zu stärken und ähnlich zu trainieren wie einen Muskel? Und öffnen wir damit nicht Tür und Tor für die Perfektionierung?

Früher ging man davon aus, dass Resilienz etwas Angeborenes ist, das man also hat oder nicht hat. Heute wissen wir, dass sich auch die Fähigkeit zur Resilienz trainieren lassen kann. Es soll dabei aber nicht um Perfektionierung gehen. Dass es Phasen gibt, in denen es uns gut und weniger gut geht, dass wir Freude und Leid empfinden können, gehört zu uns Menschen dazu. Das Ziel kann auch nicht sein, alle Menschen noch so fit im Umgang mit Belastungen zu machen, um ihnen immer mehr zumuten zu können. Auch die Veränderung der Lebensumstände, die unzumutbaren Stress und Belastung für den einzelnen mit sich bringen, hat eine hohe Bedeutung, damit wir psychisch gesund bleiben.

Sie betreiben beim LIR eine „Resilienz-Ambulanz“ – was unterscheidet die von einer „klinischen Ambulanz“.

An unsere Resilienz-Ambulanz können sich Menschen wenden, die sich durch Stress oder besondere Lebensumstände psychisch belastet fühlen. Sie erhalten zunächst ein Eingangs-Screening, in dem wir das Ausmaß der psychischen Belastung und die Fähigkeit zur Resilienz erfragen. Im anschließenden Beratungsgespräch wird dann ein individuell zugeschneidertes Unterstützungsprogramm erarbeitet, das je nach Ausmaß der Belastung unterschiedlich intensive Interventionsangebote macht, vom Besuch von Informationsveranstaltungen, über Workshops in Gruppen bis hin zu Einzelberatungen. Eine besondere Herausforderung ist aktuell, alles auch online anbieten zu können. Ein wichtiges Anliegen ist uns in der Resilienzambulanz auch, das Vorliegen einer psychischen Erkrankung im Einzelfall auszuschließen. In diesem Fall erfolgt dann die Überweisung an entsprechende Spezialambulanzen.

Die Offensive Psychische Gesundheit hat zum Ziel, die psychische Gesundheit in allen Lebenswelten zu stärken und mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Belastungen zu bewirken. Was raten Sie den Akteuren: Wo muss Prävention ansetzen um wirksam zu werden?

Der Ansatz, Präventionsangebote breit in möglichst vielen Lebenswelten anzubieten, ist zielführend. Vom Kindergarten, über die Schule bis hin in die Arbeitswelt muss die Förderung psychischer Gesundheit durch Stärkung des Einzelnen und gesundheitsförderliche Umgestaltung der Lebens-und Arbeitsstrukturen zunehmend eine Selbstverständlichkeit werden. Ideal ist, wenn die Vermittlung von Kenntnissen über Resilienz wie selbstverständlich in die Lern- und Lebenswelten eingebaut wird. Es bedarf nicht immer aufwendiger Kurse, um dieses Wissen zu vermitteln. Besonders wichtig halte ich das Training von Führungskräften in der Erkennung und im Umgang mit psychischen Belastungen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wenn hier die entsprechende Sensibilität entsteht, können Arbeitswelten geschaffen werden, die die psychische Gesundheit erhalten und fördern und letztendlich zu größerer Arbeitszufriedenheit und Arbeitsleistung führen.

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