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Vor allem Mütter und Frauen wollen für ihre Familie funktionieren, stellen eigene Bedürfnisse zurück und gehen über ihre Grenzen.

Auch Pflege- und Betreuungsarbeit kann eine Belastung für die psychische Gesundheit darstellen. Insbesondere während der Corona-Pandemie berichten viele Betroffene über eine doppelte Belastung. Im Interview berichtet Svenja Stadler (MdB und Vorsitzende des Kuratoriums der Elly-Heuss-Knapp-Stiftung, Deutsches Müttergenesungswerk) über den Einfluss, den die Tabuisierung psychischer Belastungen auf die Gesundheit der Mütter, Väter und pflegender Angehöriger haben kann.

Zu Ihnen kommen Mütter und Väter, aber auch pflegende Angehörige mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen, mit Stresserfahrung und einem Gefühl der Überforderung. Mit welchen Anliegen kommen Menschen zu Ihnen und welche Angebote machen Sie Ihnen?

Fast 50.000 Mütter, über 2.000 Väter und rund 700 pflegende Frauen kommen in die Vorsorge- und Rehabilitationsmaßnahmen im Müttergenesungswerk. Sie sind sehr erschöpft, suchen Unterstützung, Gesundheit, Beratung, Hilfe für den überfordernden Alltag und eine Auszeit durch eine Kurmaßnahme. Wir bieten ihnen Beratung vor Ort in den Kurberatungsstellen bei den Wohlfahrtsverbänden, die stationären Kurmaßnahmen in den Kliniken sowie Nachsorge vor Ort mit Einzelgesprächen und Gruppenangeboten.

Was haben die Mütter, Väter und pflegende Angehörige bereits ausprobiert, bevor sie sich entschlossen haben, eine Vorsorge- oder Rehamaßnahme zu beantragen und unterscheidet sich das eventuell zwischen diesen drei Gruppen?

Alle haben in der Regel eine „Krankengeschichte“ mit Medikamenten und ambulanten Therapien. Vorallem Mütter und Frauen wollen für ihre Familie funktionieren, stellen eigene Bedürfnisse zurück und gehen über ihre Grenzen.

Wie häufig begegnet Ihnen der Satz „Ach wäre ich doch früher gekommen“?

Sehr häufig. Viele Mütter haben das Gefühl, dass es nur ihnen so geht, dass nur sie es nicht schaffen. Und es gibt häufig Hemmungen, sich einzugestehen, dass sie Unterstützung brauchen. Bei Vätern ist zu bedenken, dass z. B. Vater-Kind-Kurmaßnahmen noch nicht so bekannt sind und nicht zum gängigen Männerbild passen.

Die Offensive Psychische Gesundheit hat zum Ziel, die psychische Gesundheit in allen Lebenswelten zu stärken und mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Belastungen zu bewirken. Was denken Sie? Welchen Einfluss hat die Tabuisierung psychischer Belastungen auf die Gesundheit der Mütter, Väter und pflegender Angehöriger?

Sie hat einen großen Einfluss, denn die Gesellschaft erwartet, dass Mütter, Väter und pflegende Angehörige „funktionieren“ und dass die Sorgearbeit in der Familie, das Wohl der Familienmitglieder, im Vordergrund steht. Viele Ratgeber zu allen Themen suggerieren, dass mit guter Organisation alles zu schaffen ist, das verstärkt die Individualisierung der Belastungen und das Denken, dass angeblich alle es schaffen, nur man selbst nicht. Genau das ist aber falsch.

Wovon profitieren die drei Gruppen, aber auch die Kinder am meisten in den Vorsorge- und Rehabilitationsmaßnahmen in den Einrichtungen des MGW?

Alle fühlen sich mit ihren Belastungen ernstgenommen und wertgeschätzt, das betonen insbesondere Mütter, aber auch Väter. Unser Konzept ist die Stärkung der Resilienz und der Hilfe zur Selbsthilfe. Alle öffnen sich für neue Impulse und verändern im Lauf der Maßnahme den Blick auf die eigene Situation zu Hause.

Mütter und pflegende Frauen sehen und erleben in der Maßnahme, dass alle gleichermaßen belastet sind. Die psychosozialen Therapien beziehen Rollenbilder und -erwartungen ganzheitlich und gendersensibel ein. Das Erkennen, dass es kein individuelles „Versagen“ oder Problem ist, sondern ein strukturelles, dass es vielen Müttern ähnlich geht, ist unglaublich entlastend und gleichzeitig bereichernd. Mit diesem Wissen, mit Therapien und dem Austausch in der Gruppe wird die eigene Kraft wiederentdeckt und Impulse für die Gesundheit und den Alltag gegeben.

Auch für Väter hat der Austausch in der Vätergruppe eine hohe Bedeutung, sie erleben, dass sie mit anderen Vätern über familiäre Themen sprechen können, dass Veränderungen im Alltag möglich sind, und sie formulieren sehr deutlich, dass sie ihr Kind anders erleben und ihre Beziehung intensiver wird.

In allen Mutter-Kind- oder Vater-Kind-Maßnahmen gibt es neben qualifizierter Kinderbetreuung immer gemeinsame therapeutische Angebote für Mutter-Kind oder Vater-Kind zur Stärkung der Beziehung und des Vertrauens. Auch hier ist die Wirkung für beide Seiten nachhaltig. Kinder genießen die Entspannung und die Zeit mit dem Elternteil, das Vertrauen wächst. Schulkinder erhalten schulbegleitenden Unterricht in unterschiedlichen Formen und Kinder, die selbst krank sind und eine eigene Verordnung haben, haben zusätzlich medizinische Therapien.

Im Alltag ist es ja gar nicht so einfach zu erkennen, wann einem „etwas über den Kopf wächst“. Haben Sie einen Tipp für Familien, wie sie die eigene Belastung im Blick behalten können?

Die Mehrheit kommt mit mehreren Indikationen, aber rund 80% auch mit Erschöpfungszuständen bis zum Burnout, d.h. Schlafstörungen, Angstgefühlen oder depressiven Verstimmungen, und sie haben das Gefühl, sie können nicht mehr. Spätestens dann ist es Zeit, an eine Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahme zu denken. Wichtig ist im Alltag aber auch, Zeit für sich zu haben, um Kraft zu tanken, die eigenen Bedürfnisse ernstzunehmen und gleichwertig zu denen der anderen Familienmitglieder zu sehen.

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