Zukunftswerkstatt 2020 - Ergebnisse der Themen-Sessions

Bei der diesjährigen Zukunftswerkstatt 2020 am 9. und 10. November 2020 - eine Veranstaltung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) und der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Personalführung e.V., dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), der NEW WORK SE und dem INQA-Demographie Netzwerk (ddn) - standen die Veränderungen in der Arbeitswelt bedingt durch die COVID-19 Pandemie im Fokus.

Dabei wurden die Bedarfe immer aus dem Blickwinkel der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) betrachtet. Die Corona-Pandemie ist vor allem auch ein Treiber für die Veränderung der KMU. Deshalb ist der Dialog mit den Unternehmen besonders wichtig. Die Erfahrungen aus der ersten Zukunftswerkstatt 2019 in Erfurt haben gezeigt, dass sich KMU mit großem Engagement in diesen Dialog einbringen, so dass dieser Ansatzweiter ausgebaut werden soll.

Zu Gast bei der Zukunftswerkstatt waren u.a. Bundesminister für Arbeit und Soziales, Hubertus Heil und der zuständige Staatssekretär Björn Böhning, die sich aktuellen Fragen zur Zukunft der Arbeitswelt stellten.

Am ersten Tag der Zukunftswerkstatt gab Staatssekretär Björn Böhning (SPD) einen Überblick zum Stand der Maßnahmen. Er machte die Bedeutung der KMU für die Volkswirtschaft deutlich und wies auf der Basis verschiedener Entwicklungsszenarien darauf hin, dass die „Durststrecke“ noch kommen werde. Daher wurden seitens der Bundesregierung neben den bisherigen Maßnahmen wie Kurzarbeitergeld und Soforthilfen bereits Anschlussregelungen beschlossen: 10 Mrd. für November, die für die Bedarfe der KMU bereitstehen. Für die Zeit danach ist man weiterhin vorbereitet und bereit, passende Lösungen zu finden, so Böhning.

Böhning verwies auf die Bedeutung von Qualifikation, um gestärkt aus der Krise zu kommen. Dazu können unter anderem die Möglichkeiten der Verknüpfung von Kurzarbeit und Qualifikation genutzt werden. Um sich am Markt zu behaupten, seien zudem Agilität, Personalführung und Arbeitsorganisation entscheidend. „Homeoffice ist zur Normalität geworden. Flexibilität, digitale Transformation und regionale Ökosysteme sind die Voraussetzungen für zukunftsfähige Unternehmen“, so Böhning. Die Herausforderung hierbei sei, die Transformation und Bewältigung der Krise gleichzeitig durchzuführen.

Am zweiten Tag der Zukunftswerkstatt nahm der Bundesminister Hubertus Heil im abschließenden Townhall-Gespräch Stellung zu den Fragen der Teilnehmer*innen:

Zu Gast in der Zukunftswerkstatt waren mit einer Keynote am ersten Tag Janina Mütze, Gründerin und Geschäftsführerin von Civey, einem Markt- und Meinungsforschungsinstitut sowie am zweiten Tag Lisa Fiedler, Leiterin der VAUDE Academy für nachhaltiges Wirtschaften des Outdoor-Herstellers Vaude.

„Herausforderungen und Krisen sind der fruchtbarste Boden für Gestaltung und Veränderung.“

Das ist der Leitspruch von Janina Mütze. In ihrer Keynote: „Zeit für Optimismus? Die Corona Krise als Innovationstreiber“, erörterte sie, was flexible und agile Strukturen in einem Unternehmen bedeuten. Grundlage für den Erfolg eines Unternehmens sei „Adaption und Anpassung“, so Mütze. Nur so könne ein Unternehmen auch „radikale Veränderungen und Einbrüche überstehen. Es ist eine Frage des Mindsets, ob man Krisen als Chance sieht“, ergänzte Mütze, die zudem ausführte:

„Gerade in einem jungen und schnell wachsenden Technologieunternehmen ist Wandel omnipräsent, starre Strukturen sind eher lähmend“. Sie pflege in ihrem Unternehmen eine offene und transparente Kommunikation, was die Grundlage für ein gut zusammenarbeitendes Team sei. „Learn-Sessions“ von Mitarbeitern für Mitarbeiter böten sich an, um mehr Verständnis, nicht nur für technische Prozesse und digitale Abläufe zu vermitteln, sondern auch, um die Arbeit der anderen Kollegen zu verstehen. „Es stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Akzeptanz untereinander“, so Mütze.

Nachhaltiges und gemeinwohlorientiertes Wirtschaften

„Bisher ist Vaude gut durch die Corona-Krise gekommen“, stieg Lisa Fiedler in die Key am zweiten Veranstaltungtag ein. Die Gründe dafür lägen unter anderem in der Unternehmenskultur des Unternehmens aus Tettnang am Bodensee. So gäbe es bei Vaude grundsätzlich ein positives Menschenbild und eine Vertrauenskultur. „Mit externen Stakeholdern des Unternehmens pflegt man auch während der Krise einen partnerschaftlichen Umgang und sucht nach individuellen Lösungen, zum Beispiel durch die Verschiebung von Liefer- oder Zahlungszielen für Produzenten und Händler. Und schließlich hilft Vaude der langfristige Trend der Verbraucher zu Nachhaltigkeit, der sich noch einmal verstärkt habe“, erläuterte Fiedler.

Bis 2024 will Vaude seine Produkte überwiegend aus biobasierten oder recycelten Materialien herstellen. „Wie von Zauberhand funktioniert das nicht“, so Lisa Fiedler. Die Balance zwischen Wirtschaftlichkeit und sozialer wie ökologischer Nachhaltigkeit sei viel Arbeit, eine Abwägung zwischen den beiden Polen Grundlage jeder noch so kleinen Entscheidung. In der komplexen Lieferkette des mittelständischen Unternehmens sei viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Doch: „Es gehört zur unternehmerischen Verantwortung“, so Lisa Fiedler. Schließlich sei es nicht hinnehmbar, dass andere Menschen für den Profit eines Unternehmens ausgebeutet werden.

Dass das nachhaltige und gemeinwohlorientierte Wirtschaften funktioniert, beweise Vaude seit Jahren. Das Unternehmen mit 550 Mitarbeitern wird von den Banken solide bewertet und habe ein homogenes Umsatzwachstum, so Lisa Fiedler. Zugunsten ökologischer Materialen verzichte man im Zweifelsfall zum Beispiel auf ein größeres Marketingbudget. Inzwischen begleitet Vaude auch andere Unternehmen auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit.

Ausprobieren, neugierig bleiben und Stärken des Einzelnen, Kulturwandel und „New Normal“ - das waren Themen der einzelnen Themen-Sessions an beiden Tagen

In zehn parallelen interaktiven Formaten wurden auf der Grundlage vieler Beispiele aus der betrieblichen Praxis Themen wie Kompetenzbedarfe, digitales Recruiting, mobile Arbeit und Kulturwandel diskutiert. Die Teilnehmer*innen konnten sich im virtuellen Raum an den jeweiligen Diskussionen beteiligen und erhielten konkrete Ansätze für die Umsetzung in Unternehmen. Zusammen mit Vertreter*innen von Unternehmen, Politik, Verbänden, Kammern und weiteren Akteuren wurden gemeinsam neue Lösungen für eine zukunftsfähige Arbeitswelt entwickelt. So bekamen insbesondere KMU Antworten auf wichtige Fragen der Zeit und neue Impulse für eine zukunftsfähige und resiliente Personalpolitik und Arbeitsorganisation.

Krisenfest statt Krisenfrust: Wie können Unternehmen organisationale Resilienz fördern?

Zu diesem Thema veranstalteten BMAS/INQA ein Fishbowl-Austauschformat, das mit drei Impulsen zur virtuellen Diskussion angeregte.

Den ersten Impuls gab Dr. Julia Borggräfe (BMAS). Sie berichtete über eine Szenarien-Studie des BMAS, aus der sich drei wesentliche Faktoren für Unternehmen ableiten lassen, um erfolgreich die Krise zu meistern: Es bedarf 1. digitaler Prozesse und einer Digitalisierungsstrategie, 2. einer hohen Wissensbasierung, verbunden mit einer funktionierenden Kompetenzplanung, -entwicklung und strategischen Personalplanung und 3. flexibler Arbeitsstrukturen wie z.B. der Möglichkeit des mobilen Arbeitens.

Den zweiten Impuls lieferte Prof. Carsten Schermuly (SRH Hochschule Berlin), mit der Darstellung eines neuen Ansatzes zum psychologischen Empowerment. Oftmals stehen bei Problemen und Lösungen im Kontext New Work nur die Veränderungen der Unternehmensstrukturen im Fokus, ohne dass die verschiedenen Anforderungen der dort arbeitenden Menschen berücksichtigt werden. Der neue Ansatz - das psychologische Empowerment - fokussiert auf die individuelle Interpretation der Arbeit in vier Bereichen: das Erleben von Bedeutsamkeit, die Selbstbestimmung, die Autonomie/Einfluss und Kompetenz. Das New Work Barometer hat gezeigt, Folgen eines hohen Empowerments sind unter anderem eine höhere Arbeitszufriedenheit und Identifikation mit dem Unternehmen, ein geringeres Stresserleben, insgesamt ein positiver Einfluss auch auf die organisationale Resilienz eines Unternehmens.

Der Impuls von Prof. Anke Kopsch und Prof. Werner Stork (beide Hochschule Darmstadt) zeigte, dass auch die Neugier, nicht nur der einzelnen Mitarbeiter*innen eines Unternehmens, sondern auch eine auf Neugier ausgelegte Arbeitskultur des Unternehmen resilient machen kann. Dabei sind fördernde Faktoren flexible Strukturen, Offenheit für Innovation und systematische Einbindung der Beschäftigten in Entscheidungs- und Enwicklungsprozesse. Resilienz sei eine dynamische Prozessqualität, die sich aus dem systemischen Zusammenwirken vieler Faktoren ergibt.

Die anschließende Diskussion im Fishbowl zeigte, wie KMU ihre Beschäftigte stärken (empowern) und Neugierde fördern können: durch veränderte Unternehmenskultur, Kommunikation, Arbeitsgestaltung, Führung, Feedback und Personalentwicklung.

Wie können KMU dabei unterstützt werden, die digitale Transformation zu meistern und eine zukunftsfähige Arbeitskultur zu entwickeln?

Mit vier lebendigen Impulsen aus der Praxis konnte gezeigt werden, wie Unterstützungsangebote von BMAS/INQA für KMU konkret wirken.

Lutz Stratmann von der Demografieagentur für die Wirtschaft GmbH sowie und Tina Bakker-Riechers von der Dr. Johanna Budwig GmbH & Co. KG berichteten über das INQA-Audit „Zukunftsfähige Unternehmenskultur“, das mit einer professionellen Beratung und Begleitung verbunden ist. Der Prozess ermöglicht es, dass neben der digitalen Transformation auch Veränderungen in den Bereichen Führung, Kommunikation, Arbeitsorganisation, Chancengleichheit und Wissenstransfer in Angriff genommen werden. Damit wird auch ein Kulturwandel möglich und nachhaltig weitergeführt. Viele Unternehmen, die diesem Prozess bereits durchlaufen haben, bestätigen, dass sich gerade in der Corona-Krise eine zukunftsfähige Unternehmenskultur auszahlt.

Gilles Ngameni von der NgC GmbH berichtete vom INQA-Beratungsprogramm „unternehmensWert:Mensch“. Damit wurde sein kleines Unternehmen unter anderem darin unterstützt, die Digitalisierung im Unternehmen auszuweiten, Führungs- und Entscheidungsstrukturen weiter zu entwickeln, mobiles Arbeiten zu ermöglichen. Die begonnenen Veränderungsprozesse haben sich in der Corona-Krise bereits mehrfach im Hinblick auf neue Infrastruktur für mobiles Arbeiten, neue Formen der Zusammenarbeit, Kommunikation, Führung, Personalgewinnung und -entwicklung ausgezahlt.

Enrico Jakusch von der Drehtechnik Jakusch GmbH zeigte, wie sein kleines mittelständisches Familienunternehmen von den Angeboten des Regionalen Zukunftszentrums (RZ) Thüringen profitieren konnte. Dazu gehört u.a. die kostenfreie Beratung und Begleitung einer digitalen Lernplattform. Das RZ Thüringen bündelt zudem die Erfahrungen von KMU zur Digitalisierung und initiiert Austausch und Vernetzung zwischen KMU und Beratungsfirmen sowie Weiterbildung. Das RZ Thüringen ist Teil des ESF-Programms Zukunftszentren in ostdeutschen Bundesländern, das 2021 auch auf alle westdeutschen Bundesländer ausgeweitet wird.

Azubi-Recruiting unter erschwerten Bedingungen. Wie Unternehmen in Zeiten von Corona dennoch Auszubildende finden.

Zum Thema Azubi Recruiting in Pandemie Zeiten lud die Deutschen Gesellschaft für Personalführung e.V. ein. An zwei Beispielen aus der Praxis der beiden Rednerinnen Sonja Konur, Leiterin Recruitment & Selection, Customer Care bei der DFS Deutsche Flugsicherung GmbH und Annika Niehaus, HR Business Partner bei der Robert Bosch GmbH, wurde präsentiert, wie digitales Recruiting erfolgreich umgesetzt werden kann. Es sei nicht ausschlaggebend, wie viel Manpower oder Gelder zur Verfügung stünden, Authentizität und Transparenz seien hier die Schlüssel zum Erfolg. „Digitale Kanäle zielgenau einsetzen, authentische Berichte von Auszubildenen und Einbeziehung der Eltern sind die drei Faktoren, die für ein erfolgreiches Azubi Recruiting essentiell sind“, so die Zusammenfassung der beiden Rednerinnen.

Arbeiten im Neuen Normal. Wie Unternehmen eine gute Balance zwischen Büro, Werkstatt und Home office finden

Zu den rechtlichen Gestaltungsmöglichkeiten stellte Stefanie Maring, Head of Corporate Center for Labour Relations TÜV Nord, die Betriebsvereinbarung ihres Unternehmens zum mobilen Arbeiten vor. Hierfür gebe es keinen grundsätzlichen Anspruch, nicht jede Tätigkeit sei geeignet. Allerdings müssten Ablehnungen begründet werden. Für die Mitarbeiter*innen gelte bei ortsflexiblem Arbeiten freie Ortswahl in ganz Deutschland. Weil das Unternehmen Büroarbeitsplätze vorhält, gebe es aber keinen Anspruch auf Zusatzausstattung, Infrastruktur zuhause, wie zum Beispiel WLAN, sei selbst zu stellen. Leistungserfüllung und Arbeitszeit blieben unverändert, zu Erreichbarkeit und Reaktionszeiten vereinbarten sich Vorgesetzte und Mitarbeitende. Außerhalb der vereinbarten Zeiten bestehe das Recht auf Nichterreichbarkeit.

Franziska Stiegler, Referentin psychische Gesundheit in der Arbeitswelt beim BKK Dachverband, machte in ihrem Vortrag eine Veränderung in der psychologischen Bewältigung der Pandemie aus. Vom ersten Lockdown seien die Menschen überrascht worden und hätten in den Unternehmen nach pragmatischen Lösungen gesucht. Dabei hätten viele aber auch gehofft, dass der Ausnahmezustand endlich sei. Über den Sommer habe sich die Belastung dann zu einem Marathon verlängert, zusätzlich erschwert zum Beispiel durch das zusätzliche Homeschooling. Die immer wieder gestellte Frage nach dem New Normal interpretierte Franziska Stiegler als Wunsch nach langfristiger Orientierung, der jedoch durch die dynamischen Umstände immer wieder gestört werde. Die fortgesetzte Anspannung führe zu einem höheren Stresslevel.

Parallel zur AHA-Formel für die Infektionsprävention (Abstand halten! Hygiene-Maßnahmen einhalten! Alltagsmaske tragen!) empfahl Stiegler für die psychologische Prävention die Schritte „Ambiguitätstoleranz entwickeln, Haltung bestimmen, Anker setzen“. Vorgesetzten riet sie: „Regelmäßig das Ohr an den Mitarbeiter*innen haben.“ Bei Problemen sei es nicht zwingend nötig, gleich eine große Lösung zu finden. Hilfreich für Beeinträchtigte sei häufig schon, gesehen zu werden. Mehr Informationen unter www.psyGA.info.

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