Psychische Gesundheit beginnt mit reden

Wie kann ein offener Umgang mit psychischen Erkrankungen erreicht und wie können Angebote und Akteure besser vernetzt werden? Das wurde auf dem ersten Dialogforum der Offensive Psychische Gesundheit diskutiert. 

  • Mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Belastungen und Erkrankungen – das will die Offensive Psychische Gesundheit.
  • Am 15. und 16. April 2021 fand das erste Dialogforum der Offensive statt.
  • Über 600 Teilnehmer*innen diskutierten virtuell, wie ein offenerer Umgang gelingen und die Vernetzung von Präventionsangeboten erleichtert werden kann.

Zwei Drittel der Menschen sprechen nicht über psychische Belastungen und würden, wenn sie akut betroffen sind, weiterhin zur Arbeit gehen (Quelle: psyGA-Monitor). Mit dieser bemerkenswerten Zahl eröffnete Björn Böhning, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), das erste Dialogforum der Offensive Psychische Gesundheit, das am 15. und 16. April 2021 als digitale Veranstaltung stattfand. „Deshalb brauchen wir mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Belastungen.“, so Böhning weiter.

Genau dafür setzt sich seit mehr als einem halben Jahr das breite Bündnis ein – neben dem BMAS getragen vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) sowie zentralen Akteur*innen der Prävention. Die Corona-Pandemie hat die Notwendigkeit dieser Debatte noch deutlicher gemacht. Nach wie vor kommt Hilfe oft zu spät, weil Betroffene Belastungen nicht ansprechen.

Stigmatisierung psychischer Erkrankungen verhindert Offenheit

Was Studien belegen, bestätigte sich direkt zu Beginn des Dialogforums auch bei den Teilnehmer*innen: Nicht einmal die Hälfte von ihnen gab in einer kurzen digitalen Umfrage an, offen über psychische Gesundheit sprechen zu können. Auch Sven Hannawald, Skisprung-Olympiasieger und vierfacher Weltmeister sowie prominenter Unterstützter der Offensive, kennt dieses Gefühl. Während seiner Profikarriere litt er an einem Burnout. Heute spricht er offen darüber und möchte anderen Menschen Mut machen dasselbe zu tun. Im Dialogforum teilte er seine persönlichen Erfahrungen: „Ein Burnout kommt nicht von heute auf morgen. Es gibt eine lange Ankündigung, die man nicht so ganz wahrnimmt.“ Aus wissenschaftlicher Sicht bestätigte dies Prof. Dr. Georg Schomerus, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig. Es sei vor allem die Stigmatisierung, die dazu führe, dass Symptome nicht als solche erkannt werden. Um psychischen Belastungen entgegenzuwirken, müsse deshalb offener über psychische Probleme gesprochen werden.

5 Prinzipien zum Abbau von Stigmatisierung

Doch wie kann diese Offenheit gelingen, wie Stigmatisierung abgebaut werden? Hier verwies Prof. Dr. Schomerus auf fünf etablierte Prinzipien einer strategischen Veränderung von Stigma:

  1. Direkte und persönliche Interaktionen zwischen psychisch erkrankten Menschen und Menschen ohne psychische Krankheit.
  2. Individuelle Ansprache der unterschiedlichen Zielgruppen in ihren Lebenswelten (z.B. Beschäftigte, Schüler*innen).
  3. Niedrigschwellige lokale Angebote, die auch eine soziokulturelle Nähe zur Zielgruppe mitbringen.
  4. Glaubwürdige Anti-Stigma-Arbeit von Betroffenen und Angehörigen.
  5. Kontinuierliche und langfristige Aktivitäten anstelle von einmaligen Aktionen.

Hilfsangebote besser mit dem Bedarf zusammenbringen

Ob Sportler*innen, Eltern und Kinder, Studierende, Arbeitnehmer*innen oder Senior*innen: Psychische Gesundheit ist Thema in jeder Lebenswelt. Doch was braucht es, um mehr Offenheit für alle Gruppen zu schaffen? Die Umfrage unter den Teilnehmer*innen zeigte eindeutig: Akzeptanz und Aufklärung sind die ersten Schritte. Die Präventionslandschaft in Deutschland mit ihren vielfältigen Präventions- und Hilfsangeboten spielt dabei eine wesentliche Rolle. In einer aktuellen Abfrage der Offensive Psychische Gesundheit wurden allein über 1.200 Angebote gesammelt. Wie das „Matching“ dieser Angebote mit dem bestehenden Bedarf verbessert werden kann, haben die Teilnehmer*innen am zweiten Veranstaltungstag diskutiert.

Gerade im Bereich der Arbeitswelt waren sie sich mit dem Präventionsakteur*innen einig: Für mehr psychische Gesundheit im Betrieb bedarf es einer konsequenten Verhältnisprävention sowie auch mehr Aufklärungsangeboten und Seminaren. Die Deutsche Depressionsliga, eine Partnerin der Offensive, bietet zum Beispiel Arbeitgeber*innen-Seminare über psychische Erkrankungen an.

Austausch wird fortgesetzt: Zweites Dialogforum im Juni 2021

Als Vorschlag für eine bessere Vernetzung der Angebote und einem effektiveren Matching wurden zudem digitale Portale mit niedrigschwelligem Zugang, übergreifende Koordinierungsstellen und noch mehr Öffentlichkeitsarbeit als Lösungsansätze ausgearbeitet. André Große-Jäger, Referatsleiter im BMAS, betonte, dass die Offensive Psychische Gesundheit genau dort weiter ansetzen werde. Mit über 600 Teilnehmer*innen hat aber auch das Dialogforum selbst gezeigt: Es besteht großer Bedarf nach offenem Austausch und Vernetzung der Akteur*innen. Anknüpfend an die Erkenntnisse findet deshalb am 2. Juni 2021 das zweite Dialogforum der Offensive Psychische Gesundheit statt. Mehr dazu finden Sie bald hier. Alle Aufzeichnungen des ersten Dialogforums können Sie hier in voller Länge abrufen.

Auf inqa.de finden Sie Tipps für mehr psychische Gesundheit im Betrieb:

  • Im Rahmen des INQA-Resilienz-Dossiers erklärt Peter Bostelmann, Chief Mindfulness Officer bei SAP, was Betriebe tun können, um ihr Personal zu unterstützen und die Resilienz von Beschäftigten und Führungskräften zu stärken. 
  • Das Projekt psyGA bietet unter anderem hilfreiche Anregungen für Gespräche mit psychisch belasteten Mitarbeiter*innen und Tipps, wie gesunde Führung Belastungen entgegen wirken kann.   
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