„Schaffen Sie sich einen Arbeitsplatz zum Wohlfühlen“

Auch im Home-Office braucht es gesunde Arbeitsbedingungen. Im Gespräch erläutert Prof. Dr. Dirk Windemuth, Arbeitspsychologe und Experte für Gesundheitsschutz, wie man in der Coronakrise das Home-Office gesundheitsförderlich ausgestaltet und welche Regeln für das Arbeiten zu Hause hilfreich sind.

Herr Windemuth, viele Menschen arbeiten jetzt das erste Mal im Home-Office. Was ist neben der technischen Ausstattung sinnvoll und notwendig, vor allem in gesundheitlicher Hinsicht?

Die wenigsten Menschen, die nun ins Home-Office gehen, werden ein eigenes Arbeitszimmer haben oder gar einen passenden Bürostuhl. Viele müssen zudem parallel ihre Kinder betreuen oder die Betreuung zumindest mit dem oder der Partner*in teilen. Es ist deshalb wichtig, sich von Anfang an feste Regeln zu geben: Arbeits- und Pausenzeiten, ein regelmäßiges virtuelles Treffen mit Kolleg*innen oder mit den Vorgesetzten. Außerdem sollten sich Beschäftigte einen Arbeitsplatz schaffen, an dem sie sich wohlfühlen, ungestört sind und an dem nach Möglichkeit nur gearbeitet wird. Das führt zu sogenannten Konditionierungen. Das heißt: Jemand lernt ganz automatisch, dass er an diesem Platz nur arbeitet. Entsprechend sollten sich dort auch keine Gegenstände befinden, die zur Ablenkung verleiten können. Diese Regeln sollte man auch der Familie und den Mitbewohner*innen mitteilen, damit sie sich daran halten können – sonst gibt es untereinander schnell Stress. Je klarer die Regeln sind, desto schneller und selbstverständlicher werden sie eingehalten.

Kann ich zu Hause genauso arbeiten wie im Büro? Wie gestalte ich einen Arbeitsplatz im Home-Office möglichst ideal?

Das ist nicht für jeden Menschen gleich und hängt auch von der persönlichen Veranlagung und den Arbeitsaufgaben ab. Manche werden sich wohlfühlen und können zu Hause sogar besser arbeiten als im Büro. Andere werden unter dem Provisorium am Küchentisch leiden. Voraussetzung für effizientes Arbeiten ist in jedem Fall eine funktionierende Technik. Das ist tatsächlich nicht immer gewährleistet, gerade in der jetzigen Situation, in der Netze überlastet sind. Auch Ergonomie im Home-Office umzusetzen, ist nicht einfach. Wer hat schon einen höhenverstellbaren Schreibtisch zu Hause? Hier kann es als kurzfristige Lösung helfen, sich das im Haushalt vorhandene Mobiliar mal anzuschauen und verschiedene Varianten auszuprobieren. Schwieriger kann es werden, wenn Menschen es gewohnt sind, mit anderen zusammen zu arbeiten und nun alleine sind – oder umgekehrt. Hierzu sind in den letzten Tagen zahlreiche Empfehlungen von verschiedenen Medien veröffentlicht worden.

In vielen Betrieben gilt immer noch „Wer Home-Office macht, drückt sich vor der Arbeit“. Was raten Sie Führungskräften in diesen Situationen?

Eine gewisse Skepsis ist erstmal verständlich, wir sind ja mit dem Bild groß geworden, dass nur die viel arbeiten, die morgens früh aus dem Haus gehen und abends spät wieder nach Hause kommen. Dieses Klischee wird man so schnell nicht los, obwohl die Arbeitswelt und das Arbeitsverhalten heute ganz anders sind. Ob jemand im Büro viel leistet oder nicht, ist nicht immer eine Frage der Zeit, die jemand dort verbringt. Arbeitsmenge und Arbeitsqualität sind in ganz vielen Berufen nicht mehr einfach durch die Anwesenheitszeiten messbar. Anwesenheitszeit ist heute nicht mit Arbeitszeit und Arbeitsleistung gleichsetzbar. Die Gleichsetzung hat eher damit zu tun, dass Führungskräfte ein Gefühl der Kontrolle haben. Tatsächlich ist weder im Büro noch im Home-Office leicht überprüfbar, was am Bildschirm passiert. Klar ist: Home-Office funktioniert nur, wenn die Beschäftigten und die Führungskräfte Vertrauen zueinander haben. Vertrauen statt Kontrolle – das ist doch ein toller Wandel! Studien belegen übrigens deutlich, dass Vertrauensarbeitszeit, die bei Home-Office letztlich immer gilt, zu Mehrarbeit führt. Führungskräfte müssen sich also weniger Sorgen darum machen, wie sie Mitarbeiter*innen zur Arbeit motivieren. Sie müssen oft eher überlegen, wie sie sie davon abhalten, zu lange zu arbeiten und die Pausen zu vergessen.

Wie und wie oft sollen Führungskräfte mit Ihren Mitarbeiter*innen kommunizieren und sie informieren? Gibt es Regeln, die für Home-Office vereinbart werden sollten?

Mit der Menge der sinnvollen Kommunikation verhält es sich im Home-Office genauso wie im Büro. Einige Beschäftigte brauchen mehr Zuwendung und Gespräche, andere weniger. Auch im Home-Office gilt: Stehen Sie als Führungskraft für Gespräche zur Verfügung, aber drängen Sie diese nicht auf, wenn ein Gespräch nicht erforderlich ist. Folgen Sie dem individuellen Bedürfnis nach Gesprächen der Kolleg*innen. Geregelt werden sollte aber unbedingt die Erreichbarkeit. Wann ist die oder der Mitarbeiter*in erreichbar, wann die oder der Vorgesetzte. Da sollte es ausreichend Überschneidungen geben. Es muss klar definiert sein, wann man eine schnelle telefonische oder E-Mail-Reaktion erwartet. Das entlastet alle, dann gibt es einen klaren zeitlichen Anfang und ein klares Ende für die Erreichbarkeit am Tag.

Die soziale Isolation im Home-Office kann für manche Beschäftigte sehr schwer sein. Wie kann die Führungskraft hier unterstützen?

Auch hier ist das Fingerspitzengefühl der Führungskräfte gefragt: Wenn jemand das Home-Office ablehnt und viel lieber im Büro arbeitet, kann, muss aber nicht Unbehagen vor sozialer Isolation dahinterstecken. Da gibt es nur eins: fragen, miteinander ins Gespräch kommen. Die kommunikative Verbindung muss quasi immer im Standby-Modus sein. Das heißt: Auch wenn Vorgesetzte und Mitarbeiter*innen sich gerade nicht unterhalten, ist der kommunikative Kanal offen und kann jederzeit, wenn nötig, genutzt werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Dirk Windemuth ist Leiter des Instituts für Arbeit und Gesundheit (IAG) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Zudem ist er Professor für Casemanagement/Psychologie an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

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