So sichern Kleinstunternehmen ihren Liquiditätsbedarf!

Ralf Reckmeyer ist Finanzexperte bei der Volksbank Bielefeld-Gütersloh. Im Interview informiert er, wie kleine Unternehmen auch mittelfristig ihren Liquiditätsbedarf erhalten – nachdem sie erste finanzielle Engpässe über Soforthilfeprogramme der Bundesländer bewältigt haben.

Welche Förderkredite neben der länderspezifischen Soforthilfe eignen sich für Kleinstunternehmen?

Um genau abzuwägen, ob und welches Förderprogramm in Frage kommt, ist es sinnvoll, sich die Fördervoraussetzungen auf der Website der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zur Corona-Hilfe anzuschauen oder bei der Hausbank bzw. dem eigenen Steuer- oder Unternehmensberater nachzufragen.

Für kleine und kleinste Unternehmen mit bis zu zehn Beschäftigten ist vor allem der Sofortkredit der KfW mit einer Haftungsfreistellung von 90 Prozent empfehlenswert. Dieser kommt grundsätzlich für alle Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeiter*innen, einem Jahresumsatz von höchstens 50 Millionen Euro und einer Jahresbilanzsumme von höchstens 43 Millionen Euro in Frage. Wird eins der drei Kriterien überschritten, verliert das Unternehmen die Förderfähigkeit. Antragsberechtigt sind Personen, die seit mindestens drei Jahren selbstständig tätig sind, sowie alle Unternehmen, die seit drei oder mehr Jahren bestehen, mindestens aber über eine Unternehmens-Historie mit aussagefähigen Jahresabschlussunterlagen von zwei Geschäftsjahren verfügen. 

Anträge auf die genannten KfW-Sofortkredite sind über eine Bank vor Ort – in der Regel bei der Hausbank – zu stellen. Diese prüft die Unterlagen auf Vollständigkeit und auf Plausibilität. Bei positivem Votum der Bank wird der Antrag an die KfW weitergeleitet. Denn selbstverständlich gilt auch hier: Kredite müssen ordnungsgemäß in der je nach Darlehensart vereinbarten Laufzeit zurückgezahlt werden. Ob diese Rückzahlung möglich ist, beurteilt die vor Ort prüfende Bank.

Wie sehen die Sonderregelungen bei den Corona-Förderkrediten der KfW-Bank aus?

Die Sofortkredite der KfW-Bank im Zusammenhang mit der Corona-Krise sind äußerst zinsgünstig. Sie können zur Überbrückung von Liquiditätsproblemen oder für Investitionen in Anspruch genommen werden. Gleichzeitig gewährt der Staat eine Haftungsfreistellung gegenüber den kreditgebenden Banken. Je nach Art der Förderprogramme belaufen sich die Haftungsfreistellungen für die Banken auf 80 bis 100 Prozent. Damit verbessern sich die Rahmenbedingungen für eine Kreditzusage gerade für kleine Unternehmen erheblich. Aber Vorsicht, das heißt nicht, dass Kreditnehmer*innen von einer ordnungsgemäßen Kreditrückführung bzw. einer Haftung für den aufgenommenen Kredit entbunden sind. Der Staat tritt gegenüber der Bank nur dann für die Kredite ein, wenn ein*e Kreditnehmer*in den laufenden Kredit – auch unter Verwertung des eigenen Vermögens – nicht zurückzahlen kann. Darüber hinaus soll der Kreditentscheidungsprozess bei den Banken vor Ort deutlich verkürzt werden. Dies gilt insbesondere für Kredite bis drei Millionen Euro, bei denen die KfW auf eine eigene Risikoprüfung verzichtet. Bei den 90 Prozent haftungsfreigestellten Krediten obliegt es den Banken vor Ort – unter Einbindung der seitens der KfW empfohlenen Entscheidungsgrundsätze und -parametern –analog ihrer bankeigenen Kreditrichtlinien eine Risikobeurteilung vorzunehmen bzw. eine Kreditentscheidung zu treffen. Die Banken sind demnach nicht dazu verpflichtet, bei ihren Kreditbeurteilungen den Entscheidungsempfehlungen der KfW zu folgen. Bezüglich der Antragsberechtigung und der Ausgestaltung der Kredite sind die Vorgaben der KfW allerdings für die kreditgebende Bank bindend. Die Darlehenslaufzeiten liegen unter Berücksichtigung der zum 28. April 2020 in Kraft tretenden Änderungen zwischen zwei und zehn Jahren mit unterschiedlichen Gestaltungen bzgl. möglicher Tilgungsfreijahre. Hierbei liegen die Zinssätze je nach Bonität und Laufzeit der Darlehen zwischen 1,0 und 1,46 Prozent pro Jahr.

Wie wird die maximale Kredithöhe ermittelt?

Die maximale Kredithöhe ist bei den einzelnen Förderprogrammen unterschiedlich. Bleiben wir daher bei unserem Beispiel des 90 Prozent haftungsfreigestellten KfW-Sofortkredits. Für die exakte Ermittlung der maximalen Kredithöhe gelten hier folgende Parameter: Entweder 25 Prozent des Jahresumsatzes aus 2019, die doppelte Höhe der Personalkosten aus dem Geschäftsjahr 2019 oder der aktuelle Liquiditätsbedarf für die nächsten 18 Monate. Der über die drei Wege ermittelte höchste Betrag stellt das maximal mögliche Kreditvolumen für diesen KfW-Kredit dar. Für die Ausgestaltung der anderen Förderprogramme kann man sich die erforderlichen Informationen ebenfalls auf der Internetseite der KfW, bei der Hausbank und bei einem Steuer- bzw. Unternehmensberater besorgen.

Welche Unterlagen benötigt die Bank zur Beurteilung?

Für den KfW-Kredit mit einer Haftungsfreistellung von 90 Prozent muss ein kleines Unternehmen aktuell folgende Unterlagen vorlegen: 

  • zwei Bilanzen (bzw. eine Bilanz für 2018 und die Betriebswirtschaftliche Auswertung 2019)
  • KMU-Erklärung (ggf.KMU’ ankreuzen)
  • Planungsrechnung (sofern von Bank gewünscht zur Plausibilisierung)
  • Kapitaldienstfähigkeits-Ermittlung (sofern von Bank benötigt zur Plausibilisierung)
  • Begründung für die beantragte Höhe des KfW-Kredits (Plausibilisierung)

Wie lange dauert die Beantragung/Bearbeitung/Zeitspanne bis zur Auszahlung?

Das hängt vor allem von der Vollständigkeit der eingereichten Unterlagen ab. Die Bank, bei der der Antrag gestellt wird, muss sämtliche Unterlagen prüfen. Hierbei ist es wichtig, dass das beantragte Vorhaben zunächst plausibel erscheint. Darüber hinaus bewertet die Bank für die KfW, ob das beantragende Unternehmen nach Wegfall der Corona-Auswirkungen in der Lage ist, die Rückführung der bewilligten Kredite unter einer dann wieder normalen Marktsituation darstellen zu können. Der Zeitraum für die Prüfung durch die Banken vor Ort dauert je nach Komplexität der Anfrage zwischen ein bis drei Tagen. Seit dem 6. April 2020 erhalten Kund*innen den Darlehensvertrag direkt nach Zusage der KfW. Eine Vorfinanzierung durch die beantragende Bank ist demnach im Regelfall nicht erforderlich. Die vorgenannten Zeitangaben hängen allerdings sehr stark von der jeweils aktuell zu bearbeitenden Anzahl an Anträgen ab und können nur als Orientierungswerte betrachtet werden.

Eine weitere sehr interessante Alternative für Unternehmen mit mehr als 10 Mitarbeiter*innen ist der ab dem 15. April aufgelegte KfW-Schnellkredit mit 100 Prozent Haftungsfreistellung. Dieses Kreditprogramm kommt allerdings nur für Unternehmen in Frage, die bisher noch keine andere KfW-Förderung in Anspruch genommen haben. Vor diesem Hintergund ist genau abzuwägen, welche Kreditvariante (KfW-Sofortkredit oder KfW-Schnellkredit) man beantragen möchte. Nähere Informationen zum KfW-Schnellkredit sind ebenfalls auf Internetseite der KfW zu finden.

Herr Reckmeyer, vielen Dank!

Ralf Reckmeyer ist Bereichsleiter Firmenkunden und Generalbevollmächtigter bei der Volksbank Bielefeld-Gütersloh. Als führende Genossenschaftsbank mit 40 Firmenkundenberaterinnen* betreut sie über 7.350 Firmenkunden in der mittelstandsstarken Region Ostwestfalen-Lippe.

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