Fallen Beschäftigte krankheitsbedingt aus, hat das in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) oft unmittelbare Auswirkungen auf den Betrieb. Aufgaben müssen umverteilt werden, Abläufe geraten unter Druck, Teams und Mitarbeitende arbeiten an ihrer Belastungsgrenze.
„Je kleiner die Unternehmen sind, desto stärker wirken sich Ausfälle aus gesundheitlichen Gründen aus“, betont Verena Riesterer, die an der IHK Hochrhein-Bodensee in Konstanz das Netzwerk Betriebliches Gesundheitsmanagement Hochrhein-Bodensee betreut.
Ein betriebliches Gesundheitsmanagement kann dabei helfen, Belastungen frühzeitig zu erkennen, Arbeitsbedingungen zu verbessern und ein positives Betriebsklima zu fördern, so Riesterer. Viele Unternehmen wissen um diese Vorteile. Im betrieblichen Alltag rückt das Thema jedoch häufig aus dem Fokus: „Wenn im Betrieb viel los ist, fällt die Thematik BGM oft hinten runter.“ Gerade kleine Betriebe stehen vor der Frage, wie sie auch mit begrenzten Ressourcen ins BGM starten können.
Das Netzwerk unterstützt KMU beim Einstieg ins BGM
Hier setzt das Netzwerk an, das von der IHK Hochrhein-Bodensee koordiniert wird. Es fördert den Erfahrungsaustausch auf dem Gebiet der betrieblichen Gesundheitsförderung zwischen Unternehmen in den Landkreisen Lörrach, Waldshut und Konstanz.
„Wir wollen die Betriebe miteinander vernetzen, ihnen Impulse geben und im besten Fall ein Gespräch in Gang bringen“, erzählt Dr. Alexander Graf, Geschäftsführer und Leiter des Bereichs Standortpolitik an der IHK Hochrhein-Bodensee in Konstanz. Er begleitet das 2010 gegründete Netzwerk fast von Beginn an.
Die Mitgliedschaft im Netzwerk ist kostenfrei. Das zentrale Format sind die zweimal jährlich stattfindenden Netzwerktreffen. Diese werden inzwischen meist digital abgehalten. So werden auch kleinere Unternehmen erreicht, für die die Teilnahme an Präsenzveranstaltungen im Alltag schwer zu organisieren ist. Im Fokus der Treffen steht jeweils ein Thema, das oft aus den Reihen der Mitgliedsbetriebe vorgeschlagen wird – zuletzt etwa das Thema Fehlzeiten oder die Unterstützung durch digitale Anwendungen und Apps.
Nach einem fachlichen Impuls bieten die Treffen viel Raum für den direkten Erfahrungsaustausch zwischen den Betrieben. Aus Sicht des Netzwerks liegt genau darin die Stärke des Formats, so Graf: „Wir wollen bei den Betrieben die wichtige Bereitschaft fördern, in einen offenen Austausch zu gehen und den anderen etwas von sich zu erzählen: Was machen wir, was funktioniert, welche Erfahrungen habt ihr damit, wie seid ihr mit dieser Herausforderung umgegangen?“
Gemeinsam statt allein: Erfahrungsaustausch hilft insbesondere kleinen Betrieben
Für kleinere Unternehmen ist dieser Austausch besonders hilfreich. Sie müssen nicht jede Idee selbst entwickeln, sondern können auf den Erfahrungen anderer aufbauen oder vom Wissen der größeren Unternehmen im Netzwerk profitieren. Das betrifft sowohl grundlegende Fragen zum Einstieg und zu Unterstützungsangeboten als auch ganz praktische Themen.
„Beim Thema Hitzeschutz hat beispielsweise ein Unternehmer mal erzählt, dass er vorhat, Wasserspender in der Produktionshalle aufzustellen“, erzählt Graf. „Da gingen bei den anderen sofort die Hände hoch – sie berichteten von Problemen, die etwa durch eine falsche Reinigung der Spender entstehen können. Der Tipp war dann, einfach Wasser in Kästen hinzustellen. Damit war das Thema erledigt.“
So entstehen im Netzwerk nicht unbedingt formale Kooperationen, wohl aber Orientierung, Ermutigung und konkrete Anregungen für den eigenen Betrieb – „und das ist der Nutzen, den die Betriebe aus unserem Netzwerk ziehen“, so Graf.
Praxisnah und machbar: kleine Schritte mit großer Wirkung
Viele Unternehmen verbinden BGM zunächst mit großen Programmen oder umfangreichen Konzepten. Die Erfahrungen aus dem Netzwerk zeigen jedoch, dass gerade für KMU auch ein kleiner und pragmatischer Einstieg sinnvoll sein kann. Wichtige Schritte sind dabei:
„Ganz wichtig ist es, im Unternehmen festzulegen, wer für das Thema BGM verantwortlich ist, in welchem Rahmen, mit welchem Budget – und das auch in die Belegschaft zu kommunizieren“, betont Riesterer. Ein kleines BGM-Team oder eine verantwortliche Person sorgt dann dafür, dass Maßnahmen koordiniert und weiterentwickelt werden, und steht als Ansprechpartner für die Mitarbeitenden zur Verfügung.
BGM funktioniert am besten gemeinsam. „Führungskräfte haben da eine entscheidende Rolle“, so Riesterer. „Werden sie abgeholt und mitgenommen, können sie das Thema auch zu den Mitarbeitenden transportieren.“ Werden diese wiederum nach ihren Ideen und Wünschen befragt und an der Umsetzung beteiligt, entstehen praxisnahe Lösungen mit einer hohen Akzeptanz.
Bereits einfache Maßnahmen können viel bewirken: ergonomische Anpassungen am Arbeitsplatz, kurze Bewegungsangebote in den Pausen, das Bereitstellen von Wasser und Obst. Ein einmaliger oder jährlicher Gesundheitstag kann ein guter Einstieg sein, um das Thema im Unternehmen sichtbar zu machen. „Auch mit wenig finanziellen Möglichkeiten können Betriebe zeigen: Die Gesundheit der Mitarbeitenden liegt uns am Herzen“, betont Graf.
BGM ist ein Prozess. Rückmeldungen aus dem Team und der Austausch mit anderen Betrieben oder Akteuren helfen dabei, Maßnahmen weiterzuentwickeln.
Gesundheitsschutz betrifft alle Generationen
Ergänzt wird die Arbeit des Netzwerks durch weitere Angebote der IHK Hochrhein-Bodensee – neben Beratung und Webinaren wird zum Beispiel seit vielen Jahren sehr erfolgreich ein vierteiliger Azubi-Workshop angeboten, der Auszubildenden Grundwissen zum gesunden Verhalten im betrieblichen und privaten Alltag vermittelt.
„Beim Thema Gesundheitsschutz geht es ja nicht nur um die Älteren, die möglichst lange fit bleiben sollen. Das betrifft auch die Auszubildenden, die vielleicht irgendwann bis 70 arbeiten müssen. Denen müssen wir heute schon sagen: Hey, kümmert euch um euch. Ihr habt ein langes Arbeitsleben vor euch. Jetzt legt ihr den Grundstein, um da gesund durchzukommen“, betont Graf.
Deutlich wird: Betriebliches Gesundheitsmanagement muss weder kompliziert noch teuer sein. Netzwerke wie das in der Region Hochrhein-Bodensee können dabei eine wichtige Rolle spielen. Sie geben Impulse, erleichtern den Zugang zu Informationen und Unterstützungsangeboten und ermöglichen den Austausch mit anderen Unternehmen. Gerade für KMU kann dieser Austausch der entscheidende Anstoß sein, um eigene Gesundheitsmaßnahmen Schritt für Schritt im eigenen Betrieb umzusetzen.