Diversity 3 Minuten Lesezeit Wech­sel­jah­re: Wie bon­prix Me­no­paus­e auf die Agen­da setzt Startseite Angebote Praxisbeispiele
  • Seit 2021 adressiert das Hamburger Modeunternehmen bonprix das Thema Wechseljahre aktiv im betrieblichen Gesundheitsmanagement.
  • Mit Vortragsreihen, einem E-Learning-Pfad und flexiblen Arbeitsbedingungen schafft bonprix ein Umfeld, in dem Betroffene offen über ihre Beschwerden sprechen können.
  • Das zahlt sich aus: weniger Scham, mehr Offenheit – und ein klares Signal für die Mitarbeitendenbindung in einer Belegschaft, die zu zwei Dritteln aus Frauen besteht.

Jede fünfte Frau ab 55 verlässt wegen Wechseljahresbeschwerden vorzeitig den Beruf – und nimmt dabei wertvolles Know-how mit. In Zeiten von Fachkräftemangel und demografischem Wandel kann sich das kaum ein Unternehmen leisten. Das Hamburger E-Commerce-Unternehmen bonprix hat das Problem früh erkannt und gehandelt: 2021 nahm bonprix das Thema Wechseljahre fest in sein betriebliches Gesundheitsmanagement auf. Für das Unternehmen, dessen rund 1.150 Mitarbeitende am Hamburger Standort zu zwei Dritteln Frauen sind, war das eine konsequente Entscheidung – und eine, die sich inzwischen vielfach ausgezahlt hat.

Mutig beginnen: Der Einstieg mit einem Impulsvortrag

Die Idee kam aus dem Betriebsrat. Britta Reggelin, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende und seit zwölf Jahren freigestellte Betriebsrätin, trug das Thema 2021 an die promovierte Psychologin Andrea Pilat aus der HR-Abteilung heran. Ihr Plädoyer: An diesem wichtigen Thema führt für ein Unternehmen wie bonprix kein Weg vorbei.

Andrea Pilat war zunächst zurückhaltend. Damals war Menopause im Unternehmenskontext noch ein schambehaftetes Nischenthema. Doch dann präsentierte ihr Susanne Liedtke, Gründerin von „Nobody Told Me" und frühere bonprix Mitarbeiterin, in einem einstündigen Termin Zahlen, Daten und Fakten – und räumte alle Fragezeichen aus dem Weg. „Davon war ich sehr schnell überzeugt", erinnert sich Andrea Pilat. Auch der damalige Personalleiter ließ sich überzeugen. Denn die Zahlen machten deutlich, wie viele Mitarbeitende das Thema betrifft, welche Auswirkungen Beschwerden auf die Produktivität haben können – und warum sich Handeln lohnt.

Bereits wenig später fand ein unternehmensweiter Impulsvortrag zum Thema Menopause von Susanne Liedtke statt. Im Vortrag wurde das Thema bewusst breit aufgezogen: Ernährungstipps rund um den weiblichen Zyklus, Informationen über die Wechseljahre – und ein Angebot, das ausdrücklich auch für Männer offen war. „Jeder hat Berührungspunkte: sei es die Mutter, die Schwester oder eine Kollegin", erzählt Sandra Mannebach, Specialist Corporate Health bei bonprix.

Das Interesse übertraf alle Erwartungen. Nicht nur bonprix Mitarbeitende, auch Kolleg*innen aus der gesamten Otto Group meldeten sich an. So entstand ein mehrmonatiges Vortragsprogramm, passgenau abgestimmt auf die Interessensgebiete der Zuhörenden und finanziert mit Unterstützung einer Krankenkasse.

Von der Vortragsreihe zur dauerhaften Struktur

Die gesamte Vortragsreihe wurde als E-Learning-Format auf der internen Lernplattform bereitgestellt – jederzeit abrufbar für alle Mitarbeitenden. „Wir merken, dass der Lernpfad auch heute noch regelmäßig genutzt wird", sagt Andrea Pilat. Solche Fortbildungen sind ein wichtiger Baustein des BGM. Aktuell lässt bonprix seine Strukturen rund um das Thema Menopause von einer Berliner Hochschule überprüfen und weiterentwickeln. Aber betriebliches Gesundheitsmanagment wird bei bonprix nicht nur gelehrt, es ist fester Bestandteil der Unternehmenskultur. Zu den beliebten Rahmenbedingungen gehören: Gleitzeit, Homeoffice, Ruheräume und eine gesunde Kantine.

Führungskräfte und das ganze Team mitnehmen

Führungskräfte wurden nicht gesondert zum Thema Wechseljahre geschult, sondern generell für einen offenen, wertschätzenden Umgang mit Gesundheitsthemen sensibilisiert. „Ob es am Ende die Wechseljahre sind, eine psychische Erkrankung oder eine andere Sorge – wenn die grundsätzliche Haltung stimmt, ist das fast schon zweitrangig", so Andrea Pilat. Humor spielt dabei eine wichtige Rolle: „Man muss das Thema nicht mit Druck einbringen, sondern über Verständnis", sagt Britta Reggelin. „Wenn jemand dann plötzlich versteht, warum seine Mutter im Auto das Fenster aufgemacht hat – dann hat man schon viel gewonnen."

Ein besonderer Moment: Für einen Filmbeitrag im Schweizer Fernsehen gab ein Geschäftsführer von bonprix ein spontanes Statement – und berichtete offen, wie er das Thema durch seine eigene Frau verstanden hatte und wie es seinen Blick auf den Arbeitsalltag verändert hatte. „Das hat uns wirklich alle vom Hocker gehauen", erinnert sich Andrea Pilat.

Was sich verändert hat

bonprix hat sich damit eine echte Pionierrolle erarbeitet. „Wenn wir drei irgendwo auftauchen – in Interviews oder Forschungsgruppen – geht es zu 90 % um Wechseljahre", sagt Britta Reggelin. Auch intern ist etwas in Bewegung geraten: Das Thema wirkte als Türöffner für einen offeneren Umgang mit Gesundheitsthemen insgesamt. „Es ist leichter geworden, generell über Dinge zu sprechen, die mich beschäftigen – und das fördert letztlich auch die Arbeitsfähigkeit", so Andrea Pilat. Was das kulturell bedeutet, bringt Britta Reggelin auf den Punkt: „Die, die sich Hilfe holen, sind die Coolen – nicht die, die sagen, sie müssen alles aushalten."

Das Beispiel von bonprix zeigt: Wer das Thema Wechseljahre mutig auf die Agenda setzt, schafft nicht nur ein gesünderes Arbeitsumfeld – sondern stärkt die Bindung erfahrener Fachkräfte und sendet ein klares Signal: Egal in welcher Lebensphase man sich befindet, hier darf man sein, wie man ist.

FAQ: Wechseljahre im BGM – Fragen und Antworten aus der Praxis

Wie kann ein Unternehmen das Thema Wechseljahre am Arbeitsplatz einführen?

Auch ohne Vorwissen gilt: Mutig anfangen. Ein erster Impulsvortrag – idealerweise remote, um die Hemmschwelle zu senken – reicht als Einstieg ins betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM). bonprix startete 2021 genau so und baute daraus einen dauerhaften E-Learning-Pfad auf.

Wie überzeuge ich die Geschäftsführung, das Thema Menopause im Betrieb anzugehen?

Mit Zahlen: Wie viele Mitarbeitende sind betroffen? Welche Auswirkungen haben Wechseljahresbeschwerden auf Produktivität und Fehlzeiten? Faktenbasierte Argumentation öffnet Türen – das war auch bei bonprix der entscheidende Schritt zur Enttabuisierung.

Welche Maßnahmen zur Gesundheitsförderung helfen Frauen in den Wechseljahren konkret bei der Arbeit?

Oft ist mehr vorhanden als gedacht: Gleitzeit, Homeoffice, Ruheräume, gesunde Verpflegung. bonprix zeigt, dass es häufig keine neuen Maßnahmen braucht – sondern das Benennen und Kommunizieren bestehender Gesundheitsangebote im Unternehmen.

Müssen Führungskräfte speziell zum Thema Wechseljahre geschult werden?

Nicht zwingend. Wichtiger ist eine Sensibilisierung für Gesundheitsthemen am Arbeitsplatz generell. Wer ein vertrauensvolles Klima schafft, ermöglicht es Beschäftigten, offen zu sprechen – egal ob Wechseljahre, psychische Belastung oder anderes.

Lohnt sich der Aufwand – auch für kleinere Betriebe und KMU?

Ja. bonprix zeigt, dass Authentizität entscheidend ist: Wer das Thema Wechseljahre ernst meint, stärkt Vertrauen, Arbeitsfähigkeit und langfristige Fachkräftebindung. Externe Expertise und Krankenkassen-Förderung erleichtern den Einstieg auch für KMU.

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